Imageveränderung der Blasmusik

Bachelorarbeit: Veränderungen im Image der (Egerländer) Blasmusik und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Karriereverläufe professioneller Musiker

Der wissenschaftliche Beweis ist da: Die traditionelle Blasmusik ist populärer denn je. Das Image der Blasmusik wird immer besser. Christin Vogt aus Brilon im Sauerland hat für ihr Studium an der Universität Paderborn eine Bachelorarbeit mit dem Titel „Veränderungen im Image der (Egerländer) Blasmusik und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Karriereverläufe professioneller Musiker“ verfasst. Dafür befragte sie sieben Musiker anhand leitfadengestützter Interviews. Diese Methode gehört zur Sozialforschung und Probanden werden dabei jeweils die gleichen Fragen gestellt, die aus Hypothesen entwickelt wurden. So sind die Interviews untereinander vergleichbar.

Die Befragten: Musiker aus verschiedenen Bands

Für die Gespräche stellten sich Martin Scharnagl (Viera Blech), Peter Jenal (Ernst Hutter und die Egerländer Musikanten – das Original), Freek Mestrini (Ernst Mosch und viele mehr), Klaus Schwärzler (Alpenblech), Norbert Rabanser (Innsbrucker Böhmische), Andreas Joos (Fättes Blech, Ernst Hutter und die Egerländer Musikanten – Das Original), Reinhold Bieber (Da Blechhaufn) und Anton Gälle (Scherzachtaler Blasmusik) telefonisch zur Verfügung.

Ergebnis: Kein Musiker kann von freiberuflichen Blasmusikauftritten alleine leben

Christin Vogt konnte anhand ihrer Untersuchungen zudem festschreiben, dass heute – anders als noch zu den Zeiten, als Freek Mestrini bei Ernst Mosch musizierte – kein Musiker von den freiberuflichen Blasmusikauftritten alleine leben kann. Sie stützt zudem die Theorie, dass die Besetzungen immer kleiner werden und sich immer mehr Ensembles formieren.

Christin Vogt: Lehrerin und Musikerin aus dem Sauerland

Die 32-Jährige (Stand 2020) studiert Musik und Mathe auf Lehramt für Sekundarstufe I an der Universität Paderborn derzeit im Master. Vor Lehramt absolvierte sie ein BWL-Studium und arbeitete mehrere Jahre im Marketing, wobei sie in dieser Zeit immer schon Schüler an der Querflöte unterrichtete. Im Studium ist ihr Hauptinstrument Gesang. Mit Gitarre und Klavier muss sie Prüfungen ablegen. Aber in ihrer Freizeit spielt sie Querflöte im Musikverein Alme – ein Ortsteil von Brilon. Ich habe sie zu ihrer Arbeit interviewt:

Frau Vogt, hatten Sie nicht auch irgendwann den Wunsch verspürt, Profi-Instrumentalistin zu werden?

Naja, ich bin ja schon etwas älter. Ich hatte in meinem ersten Beruf als Marketing-Managerin gemerkt, dass ich dort eher unzufrieden war. Immer, wenn ich aber Schülern nachmittags Unterricht geben konnte, war die Welt wieder in Ordnung. Da kam schon der Wunsch, ein Instrument im künstlerischen Bereich zu studieren. Nur tut man sich nach einem abgeschlossenen Studium und Berufsleben in einem Neu-Studium schwer, weil man natürlich zurückstecken muss. Und wenn es dann noch ein Studium ist, bei dem man danach nicht weiß, ob man eine Anstellung bekommt und ob man seinen Lebensunterhalt auch verdienen kann – da war für mich Lehramt auch eine Vernunftentscheidung. Dass ich das unter einen Hut bekommen kann: Eine gesicherte Zukunft mit Musik und Kindern Musik nahebringen, brachte dann die Entscheidung zum Lehramt.

Christine Vogt
Christin Vogt verfasste ihre Bachelorarbeit zum Thema: Veränderungen im Image der (Egerländer) Blasmusik und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Karriereverläufe professioneller Musiker. Foto: Ursula Maas

Haben die Ergebnisse ihrer Bachelorarbeit sie in ihrer damaligen Entscheidung bestätigt?

Ja. Das ist genau das, was ich damals schon erwartet habe und sie haben mich bestätigt, dass das keine falsche Entscheidung war. Weil es einfach viel zu wenig Stellen gibt, und viel zu wenige Ensembles, die mit dem Musizieren allein ihren Lebensunterhalt verdienen können. Selbst wenn man mit einem Ensemble erfolgreich ist, muss man meist nebenbei Unterricht geben, arrangieren oder komponieren. Das wäre sicherlich interessant gewesen, aber ich habe gerne Sicherheit.

Spielen Sie lieber oder unterrichten sie lieber?

Das ist eine schwierige Frage. Im ersten Augenblick hätte ich gesagt, ich spiele lieber, aber es gibt so viele Augenblicke, die beim Unterricht so schön sind. Wenn Schüler plötzlich Dinge schaffen, gerade wenn sie neu anfangen, und dann sieht man das Leuchten in den Augen. Musik zu spielen ist eher Entspannung für mich.

Wird das vor einer Schulklasse ähnlich sein?

Es wird auf jeden Fall spannend mit einer Schulklasse. Ich glaube aber, dass das nicht vergleichbar ist. Der Instrumentalunterricht läuft als Einzelunterricht oder in Kleingruppen. Die Schüler kommen freiwillig. In der Schule muss man auch Schüler mitnehmen, die keine musikalische Ader haben. Zumindest auf den ersten Blick, denn ich bin davon überzeugt, dass jeder ein bisschen musikalisch ist. Andererseits glaube ich, dass viele Kinder von zu Hause aus keinen Zugang mehr zur Musik bekommen – und das motiviert mich enorm, ihnen eine Bandbreite von Musik zu zeigen, damit sie so viel wie möglich mitnehmen und sich ein eigenes Bild von Musik machen können.

Sie schreiben in Ihrer Arbeit, dass sie blasmusikalisch von ihren Eltern geprägt wurden. Was bedeutet das?

Meine Mutter hat zunächst Trompete studiert. Sie spielt aber so ziemlich alles, was man spielen kann. Mein Vater spielt Flügelhorn und er ist der größte Blasmusikfan, den ich kenne. Wir hörten früher auf Autofahrten durchweg Blasmusik. Wir fuhren immer nach Südtirol, das ist von uns aus zehn Stunden Autofahrt entfernt. Auf den Fahren hörten wir Mosch-Alben rauf und runter. Ich war mit ihm auf Konzerte von Ernst Mosch, das war schon Wahnsinn. Als Kind hat man das als normal wahrgenommen. Als Teenager war ich zunächst nicht mehr so begeistert, aber danach freute ich mich, im Musikverein viele der damals gehörten Stücke wiederzuerkennen.

Wie kamen Sie auf das Thema Ihrer Arbeit?

Ich habe mein ganzes Studium die Blasmusik vermisst. Sie wurde überhaupt nicht angesprochen. Ich erläuterte daher meinem Professor die Idee. Er war zunächst gedanklich in der Richtung allgemeine Volksmusik unterwegs und ich erklärte, wo es hingehen soll. Dann begeisterte ihn meine Idee und er sagte direkt zu.

Wie ging die Auswahl der Interviewpartner von statten?

Die Auswahl war nicht ganz so leicht, mein Anspruch war, dass ich einen Querschnitt aus verschiedenen Blasmusikrichtungen bekomme. Ich wollte, dass traditionelle und modernere Ensembles vertreten sind. Gleichzeitig war mir wichtig, dass die moderneren, neueren Gruppen schon Erfahrung mit ihren Ensembles haben, so dass sie mir zum Thema Entwicklung ihrer Karrieren was sagen können

Die Musiker, die sie interviewt haben, musste man wahrscheinlich nicht so schnell dazu überreden?


Überhaupt nicht. Ich dachte eigentlich, da schreibt man zunächst mit einem Sekretariat und wird dann weitergeleitet – mit Glück. Die haben aber immer persönlich und schnell zurückgeschrieben. Das hat mich total positiv überrascht. Zudem waren sie meiner Arbeit sehr aufgeschlossen. Ich hatte das Gefühl, dass sich jeder Einzelne darüber gefreut hat, gefragt worden zu sein. Ich hatte nicht das Gefühl, jemanden zu nerven. Bei den Interviews hatten alle dann auch sehr viel zu erzählen.  

Hatte es Auswirkungen, dass so viele der Befragten aus Süddeutschland kommen?

Es war schnell klar, dass es im Ergebnis eine Arbeit aus dem südlichen, deutschsprachigen Raum wird. Hier im Sauerland gibt es nicht ausreichend geeignete Ansprechpartner. Aber auch im Sauerland spielt und hört man viel Blasmusik. Ich glaube, wenn die Entwicklung so weiter geht, werden auch hier mehr Künstler Ensembles gründen. Kleinere Ensembles gibt es hier schon, aber die sind noch nicht so bekannt und dementsprechend sind die Ergebnisse mehr auf den süddeutschen Raum und Österreich bezogen.

Ist die Quintessenz ihrer Arbeit: Blasmusik wird immer populärer, aber man kann immer weniger davon leben?

Genau. Blasmusik wird immer populärer, allerdings vielleicht weniger wegen der traditionellen Blasmusik an sich, sondern auch weil sich andere Musikgenres reinmischen. Was auch noch der Fall ist: Es gibt kaum noch große Orchester, sondern es sind immer mehr fünf bis sieben-Mann Besetzungen, die das heute größtenteils machen. Die sind für die Veranstalter natürlich unkomplizierter zu buchen als große Orchester, die man zum Beispiel erstmal unterbringen muss. Das hat zur Folge, dass man als Musiker davon nicht mehr so richtig leben kann.  Zumindest haben das viele in den Interviews so erwähnt.

Gab es beim Ergebnis einen Punkt, mit dem sie überhaupt nicht gerechnet haben?

So richtig überrascht hat mich nichts. Es bestätigte mich eher in dem, was ich vorher schon geahnt hatte.

Ein Musiker erwähnte im Interview, er wurde in seiner Jugend wegen der Tracht belächelt. In NRW hat man im Musikverein eine Uniform an. Ist die Akzeptanz dort mit den Jahren ebenfalls gestiegen?

Die Uniform bei uns im Sauerland wird nicht mit reiner Blasmusik in Verbindung gebracht.  Aber als ich Teenager war, war Blasmusik bei meinen Freunden, die keine Musik machten, „Dicke-Backen-Musik“ und ein etwas für alte Leute. Seit etwa fünf Jahren singen aber auch die Jüngeren auf den Schützenfesten zum Böhmischen Traum mit und stehen auf den Tischen.

Die Interviewpartner der Bachelorarbeit sind alle männlich. Wären Interviewpartnerinnen in der engeren Auswahl gewesen?

Tatsächlich nicht. Ich hatte im ersten Augenblick keine Frau parat, die ich hätte ansprechen können. Ich habe mir während des Schreibens darüber Gedanken gemacht, und bin dann darauf gekommen, dass die meisten Ensembles sehr blechlastig sind. Blechinstrumente werden öfter von Männern gespielt und dadurch habe ich mir erklären können, dass es hauptsächlich männliche Interviewpartner waren. Mein Freund hat gleichzeitig mit mir seine Bachelorarbeit geschrieben. Sein Thema war die Geschlechterverteilung der Instrumente. Das Ergebnis war eindeutig: Je größer die Instrumente, desto männlicher die Spieler.

Was sind ihre Lieblingswerke?

Ich mag „Wenn Opa erzählt von zu Haus“ oder die „Katharinen-Polka“, weil da viel für das Holz drin ist. Ich höre aber auch gerne „von Freund zu Freund“, solche Intros finde ich sehr schön. Meine absolute Lieblingspolka ist die „Späte Liebe“.  Ich könnte eher die Werke aufzählen, die ich nicht mag.

Die wären?

Bei der „Vogelwiese“ und dem „Böhmischen Traum“ bin ich mittlerweile nicht mehr so begeistert, wenn sie aufgelegt werden, aber das ist der Häufigkeit des Spielens geschuldet. Hört man sie beim Feiern, ist das auch schon wieder was anderes.

Kleine Ensembles bestehen meist aus Blechbläsern. Aber auch bei größeren traditionellen Blasorchestern wird auf die Querflöte verzichtet. Tut ihnen das weh?

Ein bisschen schon. Zumindest hat es mich so beschäftigt, dass ich jetzt auch Tenorhorn lerne. Es motiviert mich, dass ich mal die anderen Stimmen und die schönen Melodieführungen spielen kann.

Weitere Texte über Blasmusikforschung findet ihr hier: https://vontutenundblasen.de/category/muckenpolizei/lesen/

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