Blas- und Bläsermusik

„Blas- und Bläsermusik – Musik zwischen Volksmusik, volkstümlicher Musik, Militärmusik und Kunstmusik“ – das ist der Titel der Dissertation von Doktor Elmar Walter, die vor genau zehn Jahren erschienen ist. Unsere Szene kennt ihn als aktiven Musiker, Dirigenten und ehemaligen Militärmusiker.

Elmar und ich kennen uns telefonisch und virtuell schon viele Jahre. Ich unterhielt mich mit ihm 2012 für den Artikel über die Es-Klarinette und über die sozialen Medien hielten wir „sozialen“ Kontakt. Im Juni 2021 trafen wir uns zum ersten Mal in „real Life“. Ob dieser neudeutsche Ausdruck zu jemandem passt, der hauptberuflich den Fachbereich „Volksmusik“ des Bayerischen Landesverein für Heimatpflege leitet? Etwas weit hergeholt, aber Elmars Einstellung lautet: Tradition ist ein sich ständig entwickelnder Prozess. 

In einem anderen Beitrag porträtiere ich Elmars höchst ungewöhnlichen beruflichen Werdegang, (klickt hier und ihr gelangt direkt dorthin), hier stelle ich seine Doktorarbeit vor, die unmittelbaren Einfluss auf die Begriffsbestimmung meines Blogs hat.

Blas- und Bläsermusik

Blas- und Bläsermusik: Musik zwischen Volksmusik, volkstümlicher Musik, Militärmusik und Kunstmusik. Dr. Elmar Walter, 2011.

Blasmusik? Geblasene Musik? Bläsermusik? – Ja, was machen wir denn nun? Ich fragte mich das, als ich meinen Blog definieren wollte. Denn für mich war klar, ich will den Mensch „Bläser“ beobachten, ich will über die Themen schreiben, die die Welt derer betreffen, die ein Blasinstrument spielen. Und wenn es über den Solooboisten der Berliner Philharmoniker, Albrecht Mayer, um die kammermusikalischen Werke des Opernkomponisten Johann Simon Mayr oder um gestohlene Blasinstrumente geht, dann deckt der Begriff „Blasmusik“ nicht alles ab. Auch möchte ich Menschen erreichen, die den Begriff „Blasmusik“ eher einseitig betrachten und darin „nur“ die traditionelle Blasmusik sehen.

Sobald man über Begriffsbestimmungen nachdenkt, kommt man schnell an seine Grenzen. Warum ich dann auf der Startseite meines Blogs trotzdem „nur“ schreibe: „Blasmusik zum Lesen“ und nicht „Blas- und Bläsermusik zum Lesen.“? Ganz einfach: Letzter Satz ist zu lang und zerschießt mir das Layout. Außerdem möchte ich bei der großen Suchmaschine gefunden werden. Den Begriff „Blasmusik“ googeln mehr Menschen als „Bläsermusik“.

Blas- und Bläsermusik: Alles hängt zusammen

Erst lange Zeit nach diesen Überlegungen las ich Elmar Walters Doktorarbeit und ich sagte mir: Ja, diese Forschungsarbeit beantwortet meine Frage und ich kann nachvollziehen, dass man sich darüber den Kopf zerbricht. Dass man es muss, zeigt sich bei der Einführung der Arbeit, in der Elmar Walter die verschiedenen Definitionen von anderen Forschern aufgreift und sie kritisch hinterfragt.

 „Ich wollte etwas über Blasmusik machen, etwas, das mir am Herzen liegt. Ich wollte eine Zusammenschau erstellen, um dann sagen zu können, dass es nicht DIE sinfonische Blasmusik oder DIE volkstümliche Blasmusik gibt. Das war alles so gespalten, die einen wollten das eine nicht und die anderen das nächste. Aber dass sich das alles gegenseitig bedingt, wechselseitige Einflüsse und Biografien von Menschen da sind, die zwischen den Welten wandern, das wollte ich aufzeigen.“

Genre oder Gattung?

Es ist schwierig, bei Blas- und Bläsermusik von einer „Gattung“ zu sprechen. Denn Gattungen sind Klassik, Rock, Pop oder Volksmusik – und in all diesen Gattungen kommen Blasinstrumente vor. Deshalb spricht Elmar Walter von „Genre“ und er kommt zu dem Schluss, dass es „DIE Blasmusik an sich ebenso wenig wie DIE Bläsermusik gibt“ und „zudem ergibt sich […] eine immer stärker werdende Vermischung der Begriffe Blasmusik- und Bläsermusik, was eine Einordnung, eine Definition, eine Unterscheidung erschwert, wenn nicht gar unmöglich macht.“

Definition: Blas- und Bläsermusik

Deshalb kommt er zu dem Ergebniss, dass die passende Definition, für das, was wir tun, „Blas- und Bläsermusik“ ist. Auch wenn das zunächst ein wenig einfallsreich klingt, seine Begründung klingt schlüssig: „Die Blas- und Bläsermusik umfasst alle auf das Zusammenwirken von Blasinstrumenten spezialisierten Gattungen und Ensemblebildungen in der Musik.“

Die Definition Blas- und Bläsermusik in der Praxis

Das löste bei mir den „AHA-Effekt“ aus. Denn dieser Satz impliziert die Slavonicka Polka, ein Blasorchesterarrangement von „Thunderstruck“ von AC/DC und die Gran Partita von Wolfgang Amadeus Mozart. Hingegen schließt sie Ludwig van Beethovens 5. Sinfonie richtigerweise aus, obwohl Bläser mitspielen.

Blas- und Bläsermusik: Wie geschaffen als Mittel zum Zweck

Im Anschluss zeigt er die Entwicklung der Blas- und Bläsermusik von der Antike bis heute und im geschichtlichen Kontext deren Funktion für die Gesellschaft. Also nicht nur ihre musikalische, sondern auch ihre ideologische Funktion „im Dienste von Herrschern, Ideen und Weltanschauungen.“ Und schlussfolgert daraus: „Dies kommt nicht von ungefähr, ist sie doch aufgrund ihrer Lautstärke geradezu prädestiniert für solche Aufgaben.“ Deshalb nutzt Elmar Walter für seine Analyse nicht nur Quellen, die primär mit Musik zu tun haben, sondern zudem solche, „die Aufgaben, den Sinn und die Bedeutung derselben Aufschluss geben.“

Blas- und Bläsermusik: Musik zwischen Volksmusik, volkstümlicher Musik, Militärmusik und Kunstmusik

Mit seiner Definition geht er auf vier Gattungen ein, in der das Genre „Blas- und Bläsermusik vorkommt: Die Volksmusik, „volkstümliche Musik“, Militärmusik und die Kunstmusik. Er will zeigen „inwiefern die verschiedenen Genres der Blas- und Bläsermusik historisch zusammenhängen und aufeinander aufbauen.“ Wie seine Definition sagt: Die Blas- und Bläsermusik kommt in viel mehr Gattungen vor, aber der Zeit und dem Umfang einer solchen Arbeit sind Grenzen gesetzt. Durch die Analyse beweist er, dass Musikerinnen und Musiker immer offen waren für eine interdisziplinäre – also zwischen den Genres wechselnder – Musikertätigkeit. Sein Fazit:
„Man kann also durchaus davon sprechen, dass es sich historisch belegen lässt, Blas- und Bläsermusik als Musik ZWISCHEN Volksmusik, volkstümlicher Musik, Militärmusik und Kunstmusik zu bezeichnen.“

Elmar Walter
Autor Elmar Walter als Musiker. Foto: Privatarchiv Elmar Walter

Werkanalyse für den Beweis

Dass sich diese Gattungen gegenseitig beeinflussen, beweist er nicht nur durch die Analyse und den historischen Kontext, sondern in dem er Werke aus den jeweiligen Gattungen analysiert. Dazu nimmt er eine Polka von Peter Streck für den Bereich Volksmusik, die „Fuchsgraben Polka“ von Karel Vacek aus dem Bereich der volkstümlichen Musik, aus dem Bereich Militärmusik untersucht er den „Marsch nach Motiven aus der Oper „Die Regimentstochter“ von Gaetano Donizetti und aus dem Bereich Kunstmusik Johan de Meijs „The Lord oft he Rings“. Er analysiert sie nach den Gesichtspunkten: formales Gesamtkonzept, Rhythmik, Motivik, Harmonik und Instrumentation. Ergebnis: Alle bauen auf bestimmten musikalischen Konzepten auf, es gibt viele Wechselwirkungen und Gemeinsamkeiten.

„Ohne Volkmusik wäre eine Kunstmusik nicht denkbar und umgekehrt. Ebenso wenig wäre eine Militärmusik ohne die beiden andere Genres denkbar. Die volkstümliche Musik bewegt sich jedoch dazwischen, immer mit der Intention, den Wünschen des Rezipienten möglichst nahe zu kommen und sich so zwischen den Welten der rein funktionalen Musik und jener Musik mit Kunstanspruch zu bewegen.“

Elmar Walters heutige Sicht

Heute, zehn Jahre später, sagt er: „Ich würde nicht mehr unterscheiden zwischen Volksmusik und ‚volkstümlicher Musik‘.“ Warum? „Weil die beiden so eng miteinander verbunden sind.“ Die Verterter der sogenannten „echten“ Volksmusik haben sich lange aufgeregt und behauptet, nur ihre Volksmusik sei „echt“. „Das ist Quatsch. Alles ist echt, wenn es echt gespielt wird. Im Übrigen würde ich Vieles in meiner Arbeit heute anders machen, anders angehen. Aber eine wissenschafltiche Arbeit ist und bleibt eben eine Momentaufnahme.“  

Was ist volkstümlich?

Der Begriff „volkstümlich“ sei im 19. Jahrhundert verwendet worden, um das „im Leben stehende“ darzustellen.“ Man verwendete einen Begriff, der das beschreibt, wovon man sich abgrenzen wollte. „Eine absurde Situation.“ Später habe es bei der Gattung „Volkstümlich“ viele Jahrzehnte eine Art „Zweikampf“ um die Gunst des Publikums zwischen den Größen Avsenik und Mosch gegeben, um die sich viele Gruppen positionierten. „Irgendwann kam der volkstümliche Schlager, bei dem man versuchte, Schlager mit volkstümlichen Elementen zu mischen. Da ist das Ganze in sich zusammengebrochen.“ Die Musik Avseniks und Moschs hätten einen ganz anderen Anspruch und auch ganz andere Charakteristika gehabt als die der Dorfkapellen. Dort ging es einzig allein darum: „Kann ich auf die Musik tanzen oder kann ich es nicht.“

Achtung beim Begriff Tradition

Im Zuge seiner Ausführungen meint Elmar Walter, man solle aufpassen, wenn man sich auf Tradition berufe. „Wir schauen immer, wie die Blasmusik früher war. Aber was genau ist früher?“ Ist das 19. Jahrhundert früher und somit die bayerische Blasmusik aus dieser Zeit traditionelle Blasmusik? Oder ist es die böhmische Blasmusik aus Böhmen. Oder ist es die Blasmusik, die Ernst Mosch vor mittlerweile 60 Jahren entwickelt hat. „Die Entwicklung der Tradition ist ein ständig andauernder Prozess. Auch in den vergangenen 50 Jahren gab es eine Entwicklung und auch in Zukunft wird es eine solche geben.“

Fazit

Aus dem Gespräch mit Elmar und durch das Lesen seines Buches habe ich viel gelernt. Tradition ist ein dehnbarer Begriff und vielleicht sollte man den Begriff nicht zu konservativ interpretieren. Wenn ich darüber nachdenke, wird mir bewusst, dass gerade der Stil der traditionellen Blasmusik, den wir gerne auf den örtlichen Begriff „Böhmen“ festlegen, nicht mehr nur dort gespielt und komponiert wird. Sondern von Menschen aus Tschechien, Österreich, Deutschland, Schweiz, Niederlande, Belgien usw. gerne gespielt wird. Viele neue Kompositionen aus dieser Gattung/Genre stammen von Komponisten aus allen möglichen europäischen Ländern. Vielleicht könnte man ja sogar den Begriff „Europäische Blasmusik“ verwenden. Er würde das ausdrücken, was wir sind: Grenzenlos eins. Wir sind alle Blasmusikerinnen, Blasmusiker, Blasmusikanten, Bläserinnen, Bläser, die sich ständig weiterentwickeln und alle für eine Sache brennen: Die Blas- und Bläsermusik.

Elmar Walter Christine Engel
Elmar Walter (rechts) und ich beim Gespräch im Münchner Hofbräuhaus im Juni 2021. Foto: Christine Engel

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