Kerkrade: 18. Wereld Muziek Concours

Im Juli 2017 begleitete ich das Landesblasorchester Baden-Württemberg zum WMC nach Kerkrade. Ich schrieb damals zwei Texte darüber. Hier lest ihr meine Erfahrungen während der finalen Probephase im rheinland-pfälzischen Prüm. Und nachfolgend lest ihr die Gänsehautmomente während des eigenlichen Wettbewerbs.

Hin zum Gesamtkunstwerk in Kerkrade

Alle vier Jahre befindet sich die Stadt Kerkrade im Ausnahmezustand. In Deutschlands Blasorchesterszene ist Kerkrade meist Synonym für Orchesterwettbewerbe auf höchstem Niveau. Allerdings ist der „WMC“ weit mehr als die konzertanten Wettbewerbe, die im Konzertsaal „Rodahal“ im Herzen von Kerkrade stattfinden und das – treffend –  von den Straßen „Vivaldistraat“, „Mozartstraat“ und „Bachstraat“ umrahmt ist. Bis 30. Juli waren mehr als 21.000 Teilnehmer  in der 46.000 – Einwohner-Stadt der Provinz Limburg zu Gast. Sie maßen sich in über 270 Orchestern in den Kategorien „Brass Band“, „Percussion Ensemble“, „Fanfare Band“, „Marching“, „Marching Parade“, „Show“ und „Harmony“ – also Blasorchester. Besonderes Augenmerk lag dabei auf dem neuen Bewertungssystem der „Concert Division“ in den Kategorien „Harmony“ und „Fanfare Band“. Die neuen Anforderungen wurden von den Orchestern unterschiedlich gut umgesetzt.

Am Ende bleibt der Impuls und der Akkord. Der Akkord des Landesblasorchester Baden-Württemberg (LBO) und der Impuls des Orchesters „Harmonie St. Petrus & Paulus Wolder-Maastricht“. Beide, der Akkord und der Impuls, verursachen noch Tage, nachdem der letzte Ton in Kerkrade verklungen ist, ein wehmütiges Ziehen im Bauch. So, wie es sich auch irgendwo bei Liebeskummer anfühlt.

Landesblasorchester Baden-Württemberg in Kerkrade

„Der“ Akkord – das ist die eine Stelle bei „El Jardin de las Hesperides“ von Jose Suner Oriola, etwa zu Beginn des letzten Drittels des Stücks. Da, wo sich Hoffnung ausbreitet und alles einer besseren Zukunft entgegen schreitet. Dieser Akkord überträgt sich während des Wettbewerbsvortrags  des LBO auf den ganzen Körper, treibt die Tränen in die Augen und schwebt wie eine Wolke über das ganze Publikum in der proppenvollen Rodahal. Am Ende: gefühlte minutenlange Stille und dann brandender Applaus und Standing Ovations. Nicht zögerlich, sondern abrupt von allen Zuhörern.

Harmonie St. Petrus und Paulus Wolder-Maastricht

Genauso ergeht es dem niederländischen Orchester.  Bei dessen letzten Vortragsstück – „The frozen Cathedral“ von John Mackey – entwickelt sich der „Pulse“, Motto des Vortragkonzerts, zu einem mächtigen Abschluss des Gesamtkunstwerks.

El Jardin de las Hesperides. Foto: Christine Engel

Belohnung in Kerkrade

Beide Orchester werden am Ende von der Jury in der „Concert Division“ für Blasorchester redlich und gerecht entlohnt. „Harmonie St. Petrus & Paulus Wolder-Maastricht“ wird mit 96,50 Punkten hauchdünn vor dem LBO Weltmeister in der Kategorie „Harmony“. Das Landesblasorchester Baden-Württemberg ist jetzt mit 96 Punkten amtierender Vize-Weltmeister. Ein grandioser Sieg für das Ensemble – kein deutsches Orchester hat jemals so eine hohe Punktzahl in der Geschichte des WMC erreicht. Hinzu kommt: Eine Punktzahl, die fast an der 100er Marke kratzt, ist selten in Kerkrade.

Die Urkunde. Foto: LBO Baden-Württemberg

Viel kreative Energie für Kerkrade

Beiden Programmen sah und hörte man an, dass viel Zeit und kreative Energie hinein gesteckt wurde, die es galt, zu honorieren. Gerade das Beispiel LBO verdeutlicht, wie hoch der Aufwand eines Orchesters ist, um beim WMC erfolgreich auftreten zu können.

LBO bereitet sich seit Anfang 2017 vor

Das Orchester unter Leitung von Björn Bus hatte mit den dramaturgischen Vorbereitungen schon vor über einem Jahr begonnen. Für die musikalische Seite trafen sich die Musiker seit Anfang 2017 zu mehreren Probenwochenenden und nahmen eine CD auf. Anschließend präsentierten sie das Programm vor dem WMC bei vier Konzerten. Aber das LBO und Björn Bus ruhten sich nicht auf ihren Lorbeeren aus und verschwendeten keinen Gedanken an das Wort „Läuft“ oder „Passt schon“.

Vorbereitung für den Wettbewerb in der Rodahall

Das Orchester, das am letzten WMC-Sonntag seinen Auftritt hatte, hatte sich ab Mittwoch vor seinem Wettbewerbsvortrag in der Jugendherberge im rheinland-pfälzischen Prüm eingemietet. Die bot mit einer integrierten Mehrzweckhalle hervorragende Probebedingungen für ein 85-köpfiges Orchester mit vielfältigsten Percussionutensillien.

Björn Bus verlangte in den Proben alles. War des Zuhörers Haut schon mit Gänsehaut übersät, desillusionierte er: „Der Schluss ist zu laut. Wenn ihr das so in der Rodahall spielt, gibt es von der Jury einen dicken Strich durch die Partitur.“ Und weiter: „Ich will am Sonntag enthusiastisch dirigieren und nicht so“ – er machte kleine Piano-Bewegungen und legte den Finger an den Mund.

Kein Gemecker oder Gestöhne

Gemecker oder Gestöhne über die harte Schule hörte man bei keinem einzigen Musiker. Im Gegenteil: Alle gaben sich höchst diszipliniert und arbeiteten bis zur letzten Minute aufmerksam und mit großem Willen mit. Sowohl in den Gesamt- als auch in den Registerproben. Eine LBO-Musikerin fasst ihre Lust auf diese enorme Probenarbeit so zusammen:

„Beim Wettbewerb ist der Weg das Ziel. Es kommt nicht auf die Punkte an, sondern auf die Vorbereitung. Diese Entwicklung, die bei einer Wettbewerbsvorbereitung stattfindet, ist so unglaublich wertvoll. Man hat das Gefühl, man kann den Stücken, obwohl man sie schon aufgeführt hat, nochmal so unendlich viel drauf setzen. Wie es ein Orchester weiter bringt, das ist der Zugewinn an so einer Wettbewerbsvorbereitung. Jeder, der sich auf so etwas vorbereitet, hat schon gewonnen. Da müsste man eigentlich gar nicht mehr spielen.“

LBO Baden-Württemberg während des Wettbewerbs. Foto: LBO

Björn Bus verlangt sowieso mehr: „Wir müssen während des Vortrags Gänsehaut bekommen und das bekommt man nur, wenn man mehr macht, als nur spielt.“ Und das haben sie gemacht – die Musiker des LBO Baden-Württemberg.

Neue Regelungen in der Concert Divison in Kerkrade

Wie alle anderen Orchester in der „Concert Division“ – also der höchsten Stufe des Konzertwettbewerbs – mussten sie sich neuen Regelungen unterwerfen. Kreativität war ab diesem Jahr gefragt. Das Pflichtstück war abgeschafft worden. Vielmehr ging es um die Gesamtdramaturgie der Aufführung. Die Jury achtete darauf, ob das jeweilige Orchester ein Motto beziehungsweise ein durchdachtes Konzept mitbringt. Den sogenannten X-Factor. In die Bewertung flossen, ob die Vortragsstücke sinnvoll kombiniert sind und welchen Effekt das Programm auf das Publikum hat. Die Wettbewerbsvorträge gestalteten sich daher eher weg vom Musikalischen hin zum Gesamtkunstwerk. Das gelang den neun Orchestern in der Kategorie „Blasorchester“ mal mehr, mal weniger gut.

Die Jury in Kerkrade

Die Jury bestand aus zwei Dirigenten (Douglas Bostock, Philippe Ferro), einem Komponisten (Jan van der Roost), einem Solisten (Steven Mead) und einer Operndirektorin/Dramaturgin (Miranda van Kralingen).

Drei der neun teilnehmenden Blasorchester der „Concert Division“ trugen ihr Programm am vorletzten WMC-Wochenende vor. „La Concordia“ (5. Platz, 91,70 Punkte), das Sinfonische Blasorchester Ried (6. Platz, 91,00 Punkte) und das Sinfonische Blasorchester Bern (7. Platz, 90,00 Punkte landeten mit ihren Vorträgen im Mittelfeld.

Die anderen sechs Orchester traten am letzten WMC-Wochenende auf und ein Vergleich, musikalisch und dramaturgisch, war daher gut möglich.

Internationale Orchester

Das „Rovereto Wind Orchestra“ aus Italien stellte in seinem Programm „Serendipity – from Italy to the World“ Werke in Zusammenhang, die italienische Komponisten außerhalb Italiens über die Welt schrieben. Eine durchdachte Stückauswahl mit einem starken roten Faden. Besonders das Werk „Icelandic Waterfalls“ von Luciano Feliciani war eine interessante Wahl. Leider waren als Showelement eine lieblose Diashow und eine mäßig vorgeführte Tanzeinlage gleichzeitig für den Zuhörer zu viel des Guten (- oder Mäßigen). Das italienische Orchester bildet nun mit 85,00 Punkten das Schlusslicht der Platzierungstabelle.

Das Publikum während der Wettbewerbe in der Rodahall. Foto: WMC Presseabteilung

Was die einen zu viel an Dramaturgie veranstalteten, vermisste man bei den anderen. Das Toulouse Wind Orchestra – mit 92,60 Punkten auf Platz drei – legte eine musikalische Traumdarbietung mit einer sehr ausdruckstarken Euphonium-Solistin auf die Bühne. Leider war das Gesamtkonzept nicht erkennbar. In welchem Zusammenhang stehen „El Oso“ von Ferrer Ferran, „Libertalia“ von Dirigent Maxime Aulio und „Danzon Nr. 2“ von Arturo Marquez? Südamerika?  Freiheit? Diktatur? Politik allgemein? Es bleibt nach dem WMC weiterhin rätselhaft. Ein Programmheft, wie es die meisten anderen Orchester kurz vor ihrem Auftritt verteilten, hatten die Franzosen auch nicht.

Banda Sinfonica del CIM La Armonica in Kerkrade

Bei der Banda Sinfónica del CIM La Armónica de Buñol, die mit über 160 Musikern angereist und heimlicher Favorit waren, war das Konzept ebenfalls nicht klar greifbar. Es musste mit Heimat zu tun haben. Diesen Eindruck vermittelten die viel zu langen Interview-Videos vor den Kompositionen. Am Ende reichte es nur für einen vierten Platz mit 92,45 Punkten. 

Nantes Philharmonie

Einen achten Platz mit 85, 10 Punkten belegte die „Nantes Philharmonie“. Die Eigenkomposition „TM – Techno Music“ von Dirigent Frederic Oster passte zwar zum Motto „Tänze“  und somit zu den anderen Werken („Bulgarian Dances“ – Franco Cesarini, „Feria from Rhapsodie Espagnol“ – Maurice Ravel, „Symphonic Dances from West Side Story“ – Leonard Bernstein). Es klang allerdings nach reinster Plattitüde und roch mehr nach Bläserklasse als nach höchster Stufe sinfonischer Blasorchesterliteratur.

Die Preisverleihung nach den Wettbewerben. Foto: LBO

Das LBO und das niederländische Orchester lieferten sehr unterschiedliche Konzepte, die aber beide durchdacht wirkten und auf musikalischem Höchstniveau dargeboten wurden. Während das LBO seinem Konzept einen sozialen, politischen und aufrüttelnden Anstrich gab, konzentrierte sich Wolder-Maastricht mit dem Motto „Pulse“ auf abstrakte Kunstkomponenten mit hochprofessionellen visuellen und tänzerischen Ansätzen. Ein Ausdruckstänzer auf einer Eisenkonstruktion, der zu Igor Strawinskys „Sacre du Printemps“ erwacht und das Leben zum pulsieren bringt, ein visualisiertes Perpetuum Mobile in Form eines ständig fortschreitenden Hundeskeletts zum Klarinettenkonzert „Black Dog“ mit Solist Arno Piters und am Ende eben das große „The frozen Cathedral“ mit dem abnehmenden und ersterbenden Puls. Der Vortrag hatte kaum mehr Wettbewerbscharakter, sondern bot einfach ein grandioses Kunsterlebnis.

Hier lest ihr mehr über die Vorbereitung des Landesblasorchester Baden-Württemberg zum Wettbewerb: https://vontutenundblasen.de/landesblasorchester/

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