Battaglia: Der Krieg in der Musik

Die Darstellung kriegerischen Geschehens in der Orchestermusik hat eine lange Tradition. Schlachtenmusiken  – Battaglien; aus dem italienischen Battaglia, zu Deutsch:  Die Schlacht) – waren schon während der Renaissance ein Thema in der Musik und erreichten ihren Höhepunkt zur Zeit der napoleonischen Kriege. Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden im Blasorchesterbereich großangelegte Battaglien. Werke, die nach den schlimmen Erfahrungen des Ersten Weltkriegs entstanden, glorifizierten den Krieg nicht mehr, sondern setzen sich kritisch und hinterfragend mit ihm und seinen Gräueln auseinander. 

Eine Battaglia zeichnet ein musikalisches Schlachtengemälde – auch im Blasorchester

„Unter mehreren musikalischen Stücken zeichneten sich ganz besonders aus, die von Heidenreich aus Wien in Musik gesetzte Schlacht von Aspern, worin der Angriff, das Musketen- und Kanonenfeuer, nebst der Cavallerie-Attaque, trefflich ausgedrückt sind. Will man einmal so etwas in Musik setzten, so kann man‘s kaum besser.“

Verschollen: Die Battaglia „Die Schlacht von Aspern“

Offensichtlich war der Kritiker der „Allgemeinen Musikalischen Zeitung“ im September 1814 von der Uraufführung des Werkes „Die Schlacht von Aspern“ tief beeindruckt, wie ein gewisser Komponist Heidenreich (Vorname unbekannt) Krieg in der Musik darstellte. Der Musikwissenschaftler Leon L Bly hat diesen Hinweis auf das Werk im Zuge seiner Studien gefunden, das Werk ist allerdings verschollen.

Ouvertüre 1812 – Battaglia?

Nun sind nicht alle Battaglien so unbekannt wie „Die Schlacht von Aspern“, die Rezension zeigt aber deutlich, wie diese Musik auf den Zuhörer gewirkt haben muss. Die bekanntesten Battaglien sind wahrscheinlich sowieso zwei Werke von zwei sehr bekannten Komponisten. 1882 wurde die „Ouvertüre 1812“ von Peter Tschaikowsky uraufgeführt. Die feierliche Einleitung erinnert an die Gottesdienste in russischen Kirchen nach der Kriegserklärung Napoleons an Russland im Jahre 1812. Diese Szene beschreibt Leo Tolstoi in seinem Epos „Krieg und Frieden“. Die „Marseillaise“ spiegelt die anfänglichen Siege der französischen Truppen wieder. Russische Volkstanzthemen gedenken der Schlacht, die Napoleons Nachhut schlägt. Höhepunkt des Werkes sind Kanonenschüsse, die die militärischen Angriffe der russischen Artillerie auf die französischen Flanken darstellen. Mit Glockengeläut und einem musikalischen Feuerwerk wird schließlich der Sieg und die Befreiung von der französischen Besatzung gefeiert.

Peter Tschaikowsky
Peter Iljitsch Tschaikowski. Öl auf Leinwand. 1893. Nikolai Kusnezow. Bild ist frei.

Auch in Ludwig van Beethovens „Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria“ ist eine napoleonische Schlacht im Focus. Als am 21. Juni 1813 der Engländer Arthur Wellesley einen entscheidenden Sieg über die französischen Truppen bei Vittoria im Königreich Spanien errang, schlug Beethoven-Freund und Metronom-Erfinder Johann Nepomuk Mälzel seinem Freund vor, ein Werk für sein „Panharmonicon“ zu schreiben und überzeugte den Komponisten, das Werk auch für großes Orchester umzuarbeiten und der Siegessymphonie noch ein Schlachtengemälde voranzustellen. Es entstand ein Teil rein für Bläser, der laut Bly wohl allerdings nie aufgeführt wurde. Die zweiteilige Komposition von 1813 beginnt mit der „Schlacht“: Hier fühlt sich der Hörer, als wäre er mitten im Kriegsgetümmel. Kanonschläge, Gewehrschüsse und Trompetenfanfaren sind zu hören. Am Anfang noch in weiter Ferne, nähern sich die Geräusche, bis der Hörer sich mitten im Geschehen befindet. Die eingefügten Märsche „Rule Britannia“ für die Engländer und „Marlborough“ für die Franzosen erklingen in Variationen. Die Moll-Variante von „Marlboroug“ symbolisiert die Niederlage der Franzosen.

Battaglia: Schlacht von vittoria

Die Battaglia hat ihren Ursprung in gesungenen Liedern des 14. Jahrhunderts. In „La Guerre“ von Clemens Jannequins aus dem Jahr 1528 steht ein Teil für Blasinstrumente allein. Aus Mosaiken geht hervor, dass in der klassischen Antike, dass Gladiatorenkämpfe schon unter Musikbegleitung stattfanden. Im Musiknachschlagewerk „MGG – Die Musik in Geschichte und Gegenwart“ sind viele Dutzend Werke zwischen Renaissance und Romantik aufgezählt, die in die Definition „Battaglia“ passen, zum großen Teil von Komponisten, die heute vergessen sind.

Schon immer verbunden: Krieg und Musik

Krieg und Musik sind schon immer verbunden. Prägnante Signale koordinierten die Truppenbewegungen im Kampfgetümmel, Märsche lenkten den Schritt der Soldaten auf dem Feld und den Paradeplätzen. Von einzelnen Charakterstücken des Frühbarocks wuchsen musikalische Schilderungen kriegerischer Ereignisse zu den tönenden Schlachtengemälden für das romantische Sinfonieorchester und blieben bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges populär. Kompositionen über Krieg boten Komponisten auf persönlicher Ebene  Raum für patriotische Bekundungen und eröffneten in künstlerischer Hinsicht die Möglichkeiten zum Experiment.

Wilhelm Wieprecht: Battaglia für Blasorchester

Anfang des 19. Jahrhunderts erreichte die Battaglienkomposition ihren Höhepunkt mit den napoleonischen Kriegen. In der Musik vollzog sich gerade der Wandel von der Klassik zur Romantik mit seinen epochalen großen Orchesterwerken. „Begleitet wurde dieser Prozess von der Idee einer nationalen deutschen Einheit, die sich nachfolgend in Kompositionen mit entsprechender Zuschreibung spiegelt“, schreibt der Musikwissenschaftler Manfred Heidler in seinem Aufsatz „Musik und Erinnerung: 1813 und der (militär) musikalische Nachhall“. 1813 war das Jahr der Leipziger Völkerschlacht. Neben Beethovens oben genannter Battaglia und anderen Werken für Harmoniemusiken zu dieser und anderen Schlachten (Jena, Austerlitz, Waterloo), komponierte der Militärmusiker Wilhelm Friedrich Wiprecht zum 50. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig – also im Jahr 1863 – ein „monströses Gedenkwerk“ für Blasorchester. Es handelt sich dabei um eine dreiteilige Komposition, die von drei Blasorchestern „samt böllernder Zutaten“ umgesetzt wird und die viele „Funktionsmusiken wie Nationalhymnen und Märsche“ sowie Choräle enthält. Name des Werks: „Völkerschlacht bei Leipzig“.

Battaglia: Völkerschlacht bei leipzig
Wilhelm Wieprecht
Wilhelm Wieprecht. 1868. Zeichnung: Hermann Lüders. Bild ist frei.

Weitere Werke des 19. Jahrhunderts für Blasorchester, die Schlachten darstellen, sind zum Beispiel: „Vor Sedan – Tongemälde zur Erinnerung an den 1. September 1870“ von Eduard Ruscheweyh (1834-1917) oder „Die Schlacht bei Spichern am 6. August 1817: Die Erstrürmung des Roten Berges“ von Adolf Rechzeh (1847 – 1905).

Werke für Blasorchester, die Schauplätze thematisieren

Leon L. Bly berichtet in seinem Aufsatz zusätzlich von Schlachtenmusiken für Blasorchester, die internationale Kriegsschauplätze thematisieren wie „La Battaglia die San Martino“ von Cesare Carini (1841-1923) oder „Sheridans`s Ride“ von John Philip Sousa (amerikanischer Bürgerkrieg) oder „The Battle of San Juan Hill“ von Albert C. Sweet (1876 – 1945), das eine Schlacht des Spanisch-Amerikanischen Krieges von 1898 beschreibt. „Die Schlacht bei Custozza“ von Julius Fucik ist ein Satz aus dem epochalen Werk „Österreichs Ruhm und Ehre“, das 1899 erschien. Im dritten Satz des Werkes zeichnet Fucik die Schlacht bei Custozza, einem oberitalienischem Dorf, im Jahre 1866 nach.

Bekannte Battaglia: Tirol 1809

Eines der bekanntesten Schlachtengemälde, das allerdings schon in der „Neuzeit“ 1954 erschien, ist „Tirol 1809“ von Sepp Tanzer. Das Werk thematisiert den Kampf der Tiroler gegen die bayrisch-französische Landesherrschaft und den Kult um Freiheitskämpfer Andreas Hofer. Wie viele Werke des Genres nutzt Sepp Tanzer bestimmte Gestaltungsmerkmale in Form von volksliedartigen Melodien, militärische Signale und Choräle. Und genau hier findet sich bei „Tirol 1809“ ein Aspekt, der das Werk laut Musikwissenschaftler Christian Glanz problematisiert und der einen kurzen Exkurs verlangt.

Battaglia: Tirol 1809

Komponist und NSDAP-Mitglied Sepp Tanzer, der während der nationalsozialistischen Herrschaft von 1933 bis 1945 mehrere entscheidende Positionen im Tiroler Musikleben wie „Gaumusikleiter“ bekleidete,  nutzt in dem dreisätzigen Werk („Aufstand“, „Kampf am Berg Isel“ und „Sieg“) am Anfang des zweiten Satzes den Choral „Wach auf, du deutsches Land“ von Johann Walter (1496-1570). Dieser Choral wurde schon von Komponist Eduard Ploner in dessen „Symphonie in Es-Dur“ genutzt, die von Sepp Tanzer bearbeitet wurde, und in der ebenfalls auf die NS-Zeit Bezug genommen wird. „Wach auf, du deutsches Land“ war für die österreichischen Nationalsozialisten eine Art „Kernlied“, dass diese, wie Glanz den Musikwissenschaftler Helmut Brenner zitiert, als eine Art „Geheimcode“ nutzten. „Tirol 1809“ beinhaltet weitere Bezüge zur NS-Zeit, nämlich zu Franz Liszts „Les préludes“, das als musikalische Untermalung für die Ostfrontberichterstattung in der NS-Wochenschau diente.

Politischer Hintergedanke bei „Tirol 1809“?

Dass bei diesen beiden Aspekten kein politischer Hintergedanke dabei war und es sich nicht um eine Art „Code“ handeln soll, hält Musikwissenschaftler Glanz für eher unwahrscheinlich. Er schreibt: „Dass er [Sepp Tanzer] dabei nicht an dessen kodierte Semantik gedacht haben sollte, ist wohl auch für diejenigen schwer vorstellbar, die noch immer der Meinung sind, Musik und Politik hätten nichts miteinander zu tun.“

Aufbau einer Battaglia

Abgesehen von Chorälen oder Zitate aus großen Klassikwerken sind Ausschnitte aus Hymnen ein weiteres beliebtes Stilmittel für das Genre „Battaglia“. Oft schwingen bei den bis hierhin behandelten Werken Patriotismus und Nationalstolz mit. Der Aufbau einer Battaglia ist mitunter recht ähnlich, meist in drei Teilen, von denen der erste die Vorbereitung, der zweite Teil die eigentliche Schlacht und die dritte den Sieg beschreibt.

Gestaltungsmittel einer Battaglia

Die Gestaltungsmittel einer Battaglia sind oft naheliegend. Trompeten- und Trommelsignale rufen zum Kampf. Pauken und große Trommeln vertonen Kanonenschüsse, Ratschen verdeutlichen Gewehrsalven. „Oft haben die verschiedenen Armeen ihre eigenen Tonarten“, schreibt Leon L. Bly. „Eine statische Harmonie ist im Schlachtteil selbst unterlegt, weil Dreklänge, Triller, Tremoli, Tonrepetition, Skalen und Arpeggien das melodische Material dominieren. Absteigende chromatische Tonleitern kennzeichnen oft das Ende der Schlacht.“ Die menschliche Stimme wird dabei ab und zu für Gesänge oder Schreie verwendet und glorifizierend wirken bei Freiluftaufführungen zudem Feuerwerkeinlagen.

Inhalt einer Battaglia ändert sich im Laufe der Zeit

Im 20. Jahrhundert und insbesondere nach dem zweiten Weltkrieg änderte sich der Umgang  mit der musikalischen Darstellung kriegerischen Geschehens. War die Schlachtenmusik, wie oben beschrieben, im 19. Jahrhundert patriotisch, glorifizieren und beschränkte sich regional auf einzelne Schlachten, setzt sie seit einigen Jahrzehnten mehr ein Denkmal. Sie setzt sich kritisch mit dem Krieg auseinander, zeigt die Grauen des Krieges und blickt seine Konsequenzen voraus oder stellt humanitäre Aspekte in den Vordergrund.  Vorbild aus der Sinfonieorchestermusik sind dabei die Kriegssinfonien von Dmitri Schosatkovitsch – vornehmlich sein bekannte 7. Sinfonie, die „Leningrader Sinfonie“.

Den Finger in die Wunde: Moderne „Battaglien“

„A Soliloquy for Solferino“ von Martin Ellerby ist so ein Beispiel. Mit elegischen Tönen legt das Werk die Schlacht von Solferino im Jahre 1859 dar, aus deren späteren Konsequenz Henri Dunant das rote Kreuz gründete. Elegische Elemente enthält auch Ferrer Ferrans „Desert Storm – Tormenta del Desierto“, das den ersten Golfkrieg Anfang der 1990er Jahre in vier Sätzen in Szene setzt. Allerdings lässt dieses Werk dem Aufbau nach eine fast klassische Battaglia erahnen. „La Invasion de Kuwait“, „El toque de Queda“, „Avance de las Tropa Aliadas“ und „La Guerra de Basora“ heißen die Sätze.

Star Wars Filmmusik: Battaglia?

Blasorchester spielen zudem sehr gerne Arrangements von Filmmusiken. Hier wird durchaus oft kriegerisches Geschehen (Stichwort: Star Wars!) dargestellt oder Filmmusik aus Kriegsfilmen wird aufgeführt. Deshalb kann in einigen Fällen durchaus in Erwägung gezogen werden, „Filmmusik“ dem Genre „Battaglia“ einzuordnen.

Übrigens: Unter diesem Link findet ihr einen kurz zusammengefassten Radiobeitrag über Battaglien.

Neue Originalwerke für Blasorchester, die beschreibend oder hinterfragend kriegerische Schauplätze in Szene setzen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

  • Ellerby, Martin: „A Soliloquy for Solferino“ (2012)
  • Buckvich, Daniel: „Symphony Nr. 1 (In Memorian Dresden, 1945)“ (1978)
  • Ferran, Ferrer: „Tormenta del Desierto“ (1999)
  • Zamecnik, Evzen: „The Battle of Austerlitz“ (1995)
  • van der Rost, Jan: „Et in Terra Pax“ (1998)
  • Schwarz, Otto M.: „Napoleon“ (2008)
  • Hirose, Hayato: „The Battle of Lepanto“ (2011)
  • Goorhuis, Rob: „The Battle of Varlar“ (1997)
  • Smith, Robert W.: „Symphony of Souls“ (2007)
  • Houben, Kevin: „Thyellene – the Battle on the Heath“ (Für Brass Band, 2009)
  • Bürki, Mario: „Fight for Liberty“ (2013)
  • Houben, Kevin: Paladin (2006)
  • Swearingen, James: „Bunker Hill Overture“ (1994)
  • Romeyn, Rob: „After the Battle“ (2007)
  • de Haan, Jan: „Banja Luka“ (1995)
  • Doss, Thomas: „Lacrimosa“ (1994)
  • Haase-Altendorf, Hellmut: „Florian Geyer“ (um 1970)

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