Alois Schöpf: Wie kann einem diese Musik nur gefallen?

Sehr geehrter Herr Schöpf,

ihr Text „Wie kann einem diese Musik nur gefallen?“ über den Auftritt von Ernst Hutter und die Egerländer Musikanten bei den Innsbrucker Promenadenkonzerte im August 2021 hat eingeschlagen. Nicht nur bei vielen Fans der traditionellen Blasmusik – auch bei mir. Er hat mich zum Nachdenken angeregt, und ich habe mir schon lange vorgenommen, einen Blogbeitrag in Form eines offenen Briefes zu schreiben. Denn Sie fordern am Ende Ihres Beitrages auf: „Ich verstehe nicht, wie intelligente und musikalisch versierte Menschen so etwas gut finden können. Wer darauf eine andere Antwort hat als ich, der ich auf die Gefahr hin, als unerträglich arrogant zu erscheinen, möge sie mir mitteilen.“ Alexandra Link vom blasmusikblog war etwas schneller als ich und hat Ihnen mit diesem Beitrag geantwortet, den ich zu 100 Prozent unterschreiben kann.  

Die vielen Kommentare auf den Social Media Kanälen waren nicht so konstruktiv, sondern glichen einem Shitstorm. Da wurden Sie zum Teil auf das Übelste beleidigt und das tut mir leid. Interessant fand ich den mehrfachen Vorwurf, Sie würden mit Ihrem Blog viel Geld verdienen. Beim Blick auf Ihre werbefreie Website wissen wir beide, dass das nicht stimmt. Sie haben mit ihrem Blog null Euro Einnahmen – dafür die volle Freiheit, das zu schreiben, was Sie denken.  

Meine Antwort auf Alois Schöpfs Essay

In den vergangenen Tagen hatte ich endlich Zeit und Muse, auf Ihren Essay einzugehen und möchte Sie zunächst bei einem Punkt stark kritisieren. Sie schreiben:

…..als sie in brauner Joppe, mehrheitlich übergewichtig und bluthochdruckgefährdet einmaschierten….

In einer Zeit von „Body Positivity“ hat eine Diskriminierung des menschlichen Aussehens sowie des Gesundheitszustands wirklich nichts in einem Text über Musik zu suchen. Die zwei Begriffe „mehrheitlich übergewichtig“ und „bluthochdruckgefährdend“ sind in diesem Zusammenhang geschmacklos. Ich bezweifle, dass Sie diese Bezeichnungen verwenden, wenn Sie ein Konzert einer Operndiva rezensieren, die nicht Kleidergröße 34 trägt. 

Zwei Kernfragen, zwei vereinfachte Antworten

Ihr Text basiert auf mehren Grundfragen: „Warum hören sich Menschen so etwas an?“ „Warum spielen professionelle Musiker bei so etwas mit“? Im Kern geben Sie zwei Antworten: Die Menschen hören diese Musik, weil es ihnen an musikalischer Bildung mangelt. Und: Die Musiker spielen diese Musik, weil sie sich finanziell prostituieren.

Sie fordern dazu auf, zu antworten, wenn man eine andere Antwort wie sie und eine andere Antwort als „Die Geschmäcker sind verschieden“ hat, denn letztere Antwort werden Sie nicht akzeptieren (der ich aber auch zustimme). Hier also nun mein Versuch:

Warum spielen Musiker diese Musik?

Zum Prostitutionspunkt: Sollte es wirklich so sein, so sei den Musikern die „Prostitution“ vergönnt (was Sie Ihnen in einem Satz zugestehen). Wir wissen alle, dass Musikerinnen und Musiker zum allergrößten Teil keine Großverdiener sind und deshalb sollte man ihnen eine Mucke zugestehen, bei der sie ein paar Euro mehr bekommen und daran eventuell keinen Spaß haben sollten. Dass diese Musiker allerdings keinen Spaß haben, glaube ich nicht bzw. bin ich mir ziemlich sicher. Kaum ein Musiker widmet sich permanent den hochgeistigen, aus Ihrer Sicht, niveauvollen Werken. Wenn er mit leichter Muse zwischendurch ausbrechen kann, ist das für jede Musikerin und jeden Musiker eine willkommene Abwechslung. Ich weiß nicht, ob Sie überhaupt ein Instrument spielen (sie dirigieren, aber welches Instrument spielen, habe ich nirgendwo gefunden) – aber wenn ja: Dann haben Sie noch nie zusammen mit guten Intrumentalistinnen und Instrumentalisten eine Egerländer Polka oder Walzer angestimmt, denn sonst würden Sie so etwas nicht schreiben. Mein Tipp: Ausprobieren!

Warum hören Menschen diese Musik?

Kommen wir zu Hauptfrage: Warum hören sich Menschen solche Musik an? Sie schreiben viel, aber eigentlich fällt ihre Antwort knapp aus: Weil es ihnen an musikalischer Bildung mangelt. Sie monieren, musikalische Bildung könne man sich gleich sparen, „wenn jeder Geschmack im Grunde egalitär neben jedem anderen bestehen kann.“

Meine These: Jedem Menschen sollte die höchstmögliche Bildung zugänglich sein und es wäre großartig, wenn jeder Mensch die höchstmögliche Bildung in jeder Richtung erfahren würde – und so auch in der musikalischen Bildung. Wenn jeder eine Bruckner-Sinfonie analysieren und verstehen und Schönbergs Dodekaphonie identifizieren könnte. Trotzdem muss die einfache bzw. einfachere Muse existieren. Jeder, der Schönbergs Dodekaphonie zu schätzen weiß, darf/soll/kann nebenher, Egerländer Blasmusik, Deutsche Schlagermusik, HipHopMusik und alle anderen Musikrichtungen mit „vorhersehbaren Harmoniefolgen und kaum veränderter Klangfarbe“ (ihre Worte) gut finden.

Denn: Musik und Kultur haben mehr Funktionen als nur die Bildungsfunktion. Dabei möchte ich insbesondere auf die Unterhaltungs-, Gesundheits-, Assoziations- und Eskapismusfunktion eingehen.

Gesundheitsfunktion der Musik

Musik macht gesund. Vorsichtiger ausgedrückt: Musik fördert die Gesundheit. Wenn ich nach einem acht Stunden Tag aus dem Büro komme und verspannt bin, mache ich Musik an und eine Bruckner Sinfonie oder ein Schönberg-Werk sind mir dafür zu anstrengend. Gern kann es Mozart sein, gern ein Haydn Streichquartett. Aber es kann auch eine Liebesschnulze aus dem Radio oder eine Polka sein. Nach so einem Tag brauche ich keine großen Überraschungen.

Musik macht glücklich

Musiktherapien werden bei Depressionen und Burn-Out eingesetzt. Das bedeutet im Umkehrschluss, Musik macht glücklich. Ich weiß nicht, welche Musik bei solchen Therapien eingesetzt wird, aber vielleicht auch Musik, die Sie nicht gelten lassen. Dass Musik glücklich macht, habe ich zuletzt bei einem Musical-Besuch gesehen. Ich war Begleitung einer anderen Person, die Handlung und die Musik des Musicals waren AUS MEINER SICHT furchtbarer Käse, neben mir allerdings saßen zwei Frauen, die nichts anderes ausstrahlten als pures Glück. Das war für mich der schönste Augenblick des ganzen Abends: Diese beiden Frauen glücklich zu sehen.

Musik darf unterhalten und Spaß machen

Zur Unterhaltungsfunktion: Musik darf unterhalten! Ja, das ist die bittere Wahrheit. Musik darf Spaß machen. Wie traurig, wenn es nicht so wäre. Wenn sich tausende junge Menschen auf einem „Woodstock der Blasmusik“ amüsieren, bedeutet das nicht den Untergang des Bildungsabendlandes. Ich gehe davon aus, dass sich dort sehr viele Menschen tummeln, die eine sehr hohe musikalische Ausbildung haben und die dürfen sich, verdammt noch mal, ebenso amüsieren. Das dürfen auch Menschen, die ein Konzert der Egerländer Musikanten besuchen. Sogar meine pubertierende Tochter, die am Vormittag auf dem musischen Gymnasium im Hauptfach Musik eine Schulaufgabe über Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium schreibt und nachmittags eine Hip-Hop Nummer mit dem Titel „Ich geh heut mit meinen F….in den Club“ hört – auch wenn mir persönlich diese Musik nicht gefällt (den vollständigen Titel dieses Werks können Sie selbst googeln).

Assoziationsfunktion der Musik

Womit wir bei der Assoziationsfunktion befinden. Meine Tochter ist jetzt Jugendliche. Ich war es in den 1990er Jahren. Meine Welt bestand aus Musik: Aus traditioneller Blasmusik im Musikverein (In der Notenmappe: Polkas und Walzer aus der Feder von Ernst Mosch), aus Originalkompositionen für sinfonisches Blasorchester im Auswahljugendblasorchester und große sinfonische Werke im Auswahljugendsinfonieorchester. Die Werke brannten mir besonders ins Gedächtnis ein, denn wann hat man als späterer Amateurmusiker die Chance, Klarinette bei Dmitri Schostakowitschs 7. Sinfonie, bei der Scheherazade von Nikolai Rimski-Korsakow und Bassklarinette bei Bela Bartoks Konzert für Orchester zu spielen. Richtig: Nie!

Punk und Egerländer

Diese Erfahrung musikalischer Bildung möchte ich nicht missen und sie war alles andere als umsonst. Aber daneben gab es eine musikalische Parallelwelt. Denn ich hatte auch Freunde, die nichts mit aktiver Musik zu tun hatten und da hörten wir: Punk. Kalifornischen Surf-Skate-Punk, der zum Teil nur aus zwei so genannten Powerchords besteht. Nicht mal ganze Akkorde, sondern E-Gitarren Geschrubbe mit Grundton und Quinte, dazu Gegröle. Also „absehbare Harmoniefolgen“ aus dem Bilderbuch. Wenn ich diese Musik heute höre, was glauben Sie, was passiert. Nein, ich denke nicht: Oh, Gott, welchen Schmarren habe ich da gehört. Sondern: Die Erinnerungen brechen wie Wellen auf mich ein und ich denke: Wahnsinn, eine schöne Zeit. (Details werden hier nicht veröffentlicht, denn sonst kommen meine armen Eltern rückwirkend wegen Verletzung der Aufsichtspflicht ins Gefängnis. Die haben schon genug mit mir als Jugendliche mitgemacht).   

Jeder Mensch erinnert sich mit Musik

Herr Schöpf, ich frage Sie: Gibt es nicht auch Musik in Ihrem Leben, die vielleicht nicht Ihrem heutigen Bildungsstand und ihrem heutigen Gusto entspricht, aber mit der sie wahnsinnig schöne Erinnerungen hervorrufen? Ja? Ja! Nun versetzen Sie sich in die Menschen, die ein Konzert der Egerländer Musikanten besuchen (oder ein anderes) und GLÜCKLICH sind. Heimatgefühle werden die meisten im Jahr 2022 damit nicht mehr verbinden. Aber sie haben Erinnerungen an schöne Zeiten wie zum Beispiel im Musikverein, weil sie das ein oder andere Stück dort schon gespielt haben, sie waren auf einem früheren Konzert mit einer bestimmten Person oder sie assoziieren die Musik, weil sie zu einer bestimmten Polka im Bierzelt einen netten Mann oder eine nette Frau geküsst haben. Kommt Ihnen das bekannt vor? Na bitte! Sehen Sie!

Komplexe Probleme der modernen Gesellschaft

Zum Schluss erörtere ich in diesem Zusammenhang die Eskapismusfunktion. Sie sprechen von den „komplexen Problemen einer modernen Gesellschaft und die Anforderungen einer global agierenden Wirtschaft“. Sie schreiben, dass diese nur mit Bildung bewältigt werden können. Da stimme ich ihnen zu, aber, wie oben beschrieben, sehe ich da nicht so schwarz wie sie. Im Gegenteil: Man muss von diesen „komplexen Problemen der modernen Gesellschaft“ fliehen können. Sich eine Auszeit von diesen Anforderungen nehmen, um neue Kraft zu schöpfen. Der Eskapismus ist die Realitätsflucht von diesen komplexen Problemen der modernen Gesellschaft.

Eskapismusfunktion der Musik

Die Eskapismus-These wird zwar mehr in der Medienwissenschaft herangezogen, in der die Hypothese aufgestellt wird, Rezipienten nutzen Medien nicht nur zur Befriedigung kognitiver Bedürfnisse (Stichwort: Bildung) sondern auch für affektiver Bedürfnisse (Entspannung, Erholung, Ablenkung). Ich finde, diese Eskapismus-These kann man auch auf die Musiknutzung anwenden.

China und die westliche klassische Musik

Im Zusammenhang mit den Anforderungen einer global agierenden Wirtschaft erwähnten sie die 50 Millionen Chinesinnen und Chinesen, die Klavierunterricht nehmen und Bekanntschaft mit der klassischen europäischen Musik machen. Super, das freut mich, dass die Einwohner Chinas wenigstens über diesen Weg an unserer westlichen Demokratie und Lebensweise teilnehmen können. Denn, wenn ich an meine (z.T. ausufernde) Jugend, die großartigen Erinnerungen daran und an Musik, deren anarchistische Texte ich heute politisch nicht mehr unterstütze, denke, bin ich doch sehr froh, nicht in China zu leben, sondern in einer Demokratie, in der ich nicht ständig überwacht werde. In der ich die Medien nutzen kann, die ich möchte, in der ich Musik hören kann, in der Politik und Regierung kritisiert und parodiert werden dürfen oder einfach Musik und in der Sie und ich in einem Blog offen schreiben können, was wir denken und uns gegenseitig konstruktiv kritisieren können. Ohne dafür ins Gefängnis zu kommen.

Frohes neues Jahr

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen (und allen Menschen, die diesen Text lesen) alles Gute für das Jahr 2022. Dass irgendwann die Kultur wieder ihre Wege gehen darf, dass wir Konzerte und Live-Musik hören können, die uns gefällt.

Herzliche Grüße

Christine Engel

P.S: Bitte, was ist die genaue Definition eines „Un-Instruments“? Welche Merkmale machen ein „Un-Instrument“ aus? Sollte man es vielleicht in „Unstrument“ umbenennen?

10 Kommentare

  1. Super geschrieben , Ich bin jetzt 71-jährig, als 10-jährige begann ich Trompete zu spielen, ich war auch bald in einer Knabenmusik und mit 14 Jahren spielte ich schon in unserem Dorfverein die 1. Trompete und am Jahreskonzert „Il Silenzio und Die Post im Walde“ als Solist, bis zu meinen Eintritt als Militärtrompeter mit zwanzig Jahren, spielte ich auch als Aushilfe in den umliegenden Dorfvereine und auch in Tanz Kapellen, wo ich auch Böhmische-, mährische Musik machte. In der Militärmusik spielte ich auch Sinfonische, Bigband Musik, ich spiele heute in vier Orchester, am liebsten Böhmische, Mährische und auch Egerländer Musik. Ich staune wie zum Beispiel an Konzerte von Karl Valdauf in Trhové Sviny abgeht, wie mit Herz Musik gemacht wird, wie die Zuhörer mitsingen, wie mitgemacht wird, wie zugehört wird, wie sich auch ältere Leute wie Verliebte sich die Hände halten. „Das ist Musik“

  2. Für mich ist das ganz einfach und klar …. jeder hat ein anderen Geschmack , andere empathie… Bei diesen Herr fehlt eines, was meiner Meinung sehr wichtig ist aber in dieser Zeiten von Social(?)- Media noch wenig zurück zu finden ist : Respect in aller Richtungen ! Vor allen Respect für diversität. Jeder fühlt und erlebt anders , das soll man respektieren. Es ist doch schön das es so viel verschiedene Musikgenre’s gibt. Es währe sehr eintönig wenn wir alle das gleiche mögen und fühlen. Ein bisschen mehr Solidarität und Respect für andere Ihre Gefühle und Geschmack sollte sein. Für die kurze Zeit was wir hier auf Erde durfen verbringen : liebe Menschen, geniesse das leben und lasse auch andere Menschen geniessen …auf ihre Art PS : entschuldige meine Fehler ….

  3. Grüß Gott!

    Soviel unterscheidet sich die klassische nicht von der Blasmusik!!!
    Beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker wurden auch Polkas Mazurkas und Märsche gespielt (Auf der Jagd, Blitz u Donner, Deutschmeister Regimentsmarsch)
    Das spielen die Egerländer auch, vor allem kommen die Blechbläser u Holz meist aus der Blasmusik u. praktizieren diese auch noch Mathias Schorn 1 Kl. Wiener Ph. Alex Ladstätter Musikverein Lauterach alle Blechbläser, in Österreich hat das hald Tradition, und wird von diesen oft inder Freizeit praktiziert siehe auch die Gansch Brüder, weils hald einfach Spass macht, aber nicht weniger anspruchsvoll ist wie z. B Strauß od Ziehrer usw was die Philhis von sich geben

  4. das leben lehrt und bringt bildung. dazu gehört respekt und anstand. das ist ein großes maß an bildung. wie kann der alois schöpf so arrogant sein und meinen er wäre gebildet ? er kann nur manipilierte meinungen gedankelos wiedergeben, ohne seine denkmaschine zu benutzen. wahrscheinlich hatte diese funktionsstörungen.

  5. Nicht von schlechten Eltern ! So will ich mal ihren Text bezeichnen ,der mir sehr gut gefallen hat . Mit einem Punkt habe ich ein wenig meine persönliche Probleme:
    Zum Schluss erörtere ich in diesem Zusammenhang die Eskapismusfunktion. Sie sprechen von den „komplexen Problemen einer modernen Gesellschaft und die Anforderungen einer global agierenden Wirtschaft“. Sie schreiben, dass diese nur mit Bildung bewältigt werden können. Da stimme ich ihnen zu, …………Ja die Politische Moderne Bildung ,kann auch gefahren mit sich bringen . Ein Sprichwort sagt :“Viel Schule ,viel Dummheit! „Wenn man die Medien von heute liest, wird dieses Sprichwort Lebendig ….Genau so bei uns, wie auch in China ! Den auch mit Musik wird Politik gemacht ….Ich persönlich benötige sie NICHT !
    Auf jeden Fall Liebe ich „meine Musik “ und mir ist es völlig egal was andere Lieben …..“Ich bezahle nur für die Musik ,die ich LIEBE !“

  6. Sehr geehrte Frau Engel,

    auch Ihnen wünsche ich ein frohes neues Jahr mit hoffentlich viel Musik!
    Vielen Dank an Sie und Herrn Schöpf, dass sie diese Debatte über den Stellenwert von der Volksmusik a la Egerländer und Co für die Gesellschaft und für die Musik an sich angestoßen haben. Es war natürlich klar, dass Herr Schöpf mit seiner Streitschrift den Unmut der Apologeten der Blasmusikszene heraufbeschworen würde, aber ich empfand es als einen erfrischenden Blick von außerhalb der Blasmusikbubble, auf einen Punkt, den ich ehrlicherweise auch fragwürdig finde.
    Auch ich hatte recht schnell während meines Unterrichtes am „Uninstrument“ Kontakt mit diesen Heftchen in silber, gelb und grün. Fast jedes Wochenende spielte eine Abordnung des großen Blasorchesters aus meiner „Hood“ auf diversen Schützen-, Feuerwehr- und sonstigen Festen diese, wie wir sie leicht ironisch nannten, „Perlen der abendländischen Musikkultur“. Mir gefiel aber das Setting um die Musik herum, mit befreundeten Musikern in lockerer, jo, auch bierseliger Stimmung diese leicht runterzuspielenden Stücke einem manchmal ebenso skurril lustigen Publikum zu präsentieren. Uns allen war klar, ok das macht Spaß, aber wir würden uns nie im Leben eine Platte oder CD von Ernst Mosch kaufen, zumal wir ja durch den Besuch aus dem Osten (z.B. Tschechoslowakei) schon viele Platten von Moravanka und Konsorten als Gastgeschenke mit gequälten Lächeln entgegen genommen hatten. Später im Studium und danach als Musiker lernte ich viele Musiker der Volksmusikszene kennen und durfte auch mal bei kleineren Projekten von denen mitspielen. Genau wie Herr Schöpf es auch sagt, sind das alles wirklich gute Spezialisten auf ihren Instrumenten und haben , was den alteingesessenen Egerländerfan vielleicht wundert, sogar in manchen Fällen mehr Berührungspunkte mit dem Jazz oder Pop als mit der klassischen Musik. Und wenn man diese Musiker in der Formation spielen hört, muss man ihnen tatsächlich attestieren im Flow zu sein. Dieses musikalische Zusammenspiel, gepaart mit der technischen Brillanz ist wirklich hochwertig. Aber die Stücke, die gespielt werden sind es, was das Kompositorische angeht, nicht. Ist das ein Problem? Natürlich nicht, jedem der Spaß an dieser Mucke hat, sei dieser aus vollem Herzen gegönnt. Auch in den anderen Musiksparten gibt es komplexe und unterkomplexe Werke. Natürlich sind die Walzer von Johann Strauß gegenüber den Gurre Liedern von Schönberg dramatisch banal. In manchen Fällen wird aber die Musik von Johann Strauß, weil sie auch zur Klassik als Genre zählt mit all den anderen großartigen Opern und Sinfonien von Mozart, Puccini Penderecki und dergleichen gleichgesetzt, um dann ebenfalls als gewichtig für die Musikgeschichte oder für die Kultur des Landes gehalten zu werden. Übersetzt heißt das, Diese Volksmusik mag nett sein und Spaß machen, aber sie ist nicht das Maß mit der Musik im Blasorchesterbereich angemessen evaluiert werden kann. Gerade aber durch die fast religiöse Überhöhen dieser Spielart und diesen Absolutheitsanspruch, den ich bei vielen Freunden von der“zünftigen Musi“ sehe, wird genau das versucht. Dazu passt auch typischerweise, dass sich viele Kritiker, die sich selbst als Fans geben, auf FB und diesem Blog sich in die „Opfer-der- Bildungseliten“- Rolle schummeln wollen. Jeder Kollege, der ein Blasorchester leitet kennt die In- und Außenfights, die er zu führen hat, wenn es um die Gestaltung eines Programms für ein Konzert geht. Dann kommen nämlich genau diese Jünger und machen unmissverständlich deutlich, dass ein großer Teil des Abends dieser Musik gewidmet sein muss, ansonsten wäre es kein richtiges Konzert und die Gäste würden ausbleiben.
    Ich verstehe Herrn Schöpf so, dass er, wie ich mich an das Märchen von „des Kaisers neue Kleider“ erinnert fühle und dieser Glaubensgemeinschaft zurufen möchte, hey, schön, dass ihr alle so viel Freude habt, aber macht Euch mal ehrlich was die Qualität der geschriebenen Musik angeht und kommt runter von dem Trip, der „einzig wahren“ Blasmusik.
    Wie schon aus dem ersten Teil in Ansetzen zu erkennen ist hadere ich mit diesen Schubladen U-Musik, E-Musik, Entspannungsmusik, Fitnessmusik, Trinkmusik, Kiffmusik, denn diese sagen nur etwas über die Funktion der Musik oder den Anlass wo sie gerne gespielt wird aus. Rein gar nichts über die Qualität. In meinen Augen muss es keine doofe Musik geben, ich kann aus jeder Schublade genug Stücke aufsagen, die auch einen gewissen Wert darstellen. Aber das kann natürlich jeder halten wie er mag. Aber in vielen Fällen ist das örtliche Blasorchester, der einzige Ort an dem für noch nicht so kulturell bewanderte Menschen musikalische Bildung im Optimalfall möglich wäre und wenn dann Jahr ein Jahr aus in der Hauptsache nur diese Musik gespielt wird und von dem Umfeld alle anderen Musiken als keine „richtige“ Musik gebrandmarkt werden, fällt es den noch nicht so beflissenen Musikern schwer einen unverzerrten Blick und Zugang zu der reichhaltigen Palette, die diese Kunst zu bieten hat, zu bekommen. Da sehe ich einen wichtigen Bildungsauftrag, denn heutzutage sind nicht alle gleichermaßen musikalisch sozialisiert worden und können nur den schmalen Ausschnitt an Musik, den sie im Laufe ihres Lebens in ihrem Umfeld kennengelernt haben für sich beurteilen. Da müssen wir uns der Kritik stellen. Also der Musiker, bei dem der Musikunterricht in der Schule immer ausgefallen ist und der in dem Blasorchesters in seinem Wohnort nur Egerländermusik präsentiert bekommt, für den ist Ernst Hutter das Maß der Dinge und der Olymp der musikalischen Schaffenskraft. Ich wette dieser Ausblick würde selbst Herrn Hutter nicht gefallen. Zur Ehrenrettung zumindest meiner Kollegen in Deutschland kann ich sagen, dass Sie sich dieser Problematik bewusst sind und sehr versiert dabei sind diese Bildungslücke bei ihren Schülern zu schließen.
    Zu Ihrer Eskapismus Theorie, sie schreiben, dass man auch vor der immer komplexeren Welt fliehen können muss. Wie soll das gehen? Mit möglichst simpel geschriebener Musik? Zumindest entnehme ich bei Ihnen, dass die simplen Stücke der Egerländermusik zur Entspannung und der Flucht aus den Sorgen dieser Welt „genutzt“ (was ist das für ein schreckliches Wort Musiknutzung) werden können. Wenn wir mit dieser Egerländermusik entfliehen wollten, kämen wir in eine Art Disneyland an, wo zwar alles so schön bunt ist, aber jedes Haus nur aus einer Fassade besteht. Wir können dieser Welt nicht entfliehen, weil wir in ihr leben. Probleme in Afrika haben auch Auswirkungen auf unser Leben. Und die Musik als ganzes wird diese Komplexität irgendwo spiegeln. Das hat sie immer getan. Und da wir uns auch emotional vielschichtiger durch das Leben bewegen, kann eine so einfach gestrickte Musik nur einen Bruchteil, zumindest in meiner Gefühlswelt, ansprechen und triggern. Für die anderen Facetten wäre es mehr Betäubung als Auflademöglichkeit.
    Zum Schluss möchte ich noch auf die Musik Ihrer Jugend und die Ihrer Tochter eingehen, dort sprechen sie von einer Parallelwelt. Warum trennen Sie das so? Und leider versehen Sie diese Musik aus der „anderen Welt“ auch wieder mit einer negativ belegten Wertung? Green Day, Nirvana und Metallica sind Bands, die für die allgemeine Musikgeschichte minimum genauso wichtig sind wie Johann Strauß 🙂 ich kann Ihnen versichern unter dem dünnen Firniss einer gewissen Leichtigkeit verbirgt sich ein riesen Aufwand von Produktion, der auch kunstvoll ist. So ist es auch bei dem Party Song von Ihrer Tochter, den ich vorher nicht kannte und ich erstaunlich gut umgesetzt fand.
    So, ich habe fertig und gönne mir nun ein Feierabend Bier, das einzige Bier, was nach einer Sprache benannt wird, also das einzig wahre Bier 🙂
    Mit freundlichen Grüßen
    Thomas Sieger

  7. Hallo allerseits.
    Tun wir uns einen Gefallen,und lassen die Tradition (speziell die Blasmusik) nicht sterben.
    Parallel sind im deutschen TV schon die alten Heimatfilme kaum noch zu sehen ( oder wenn die laufen dann nur zur Weihnachtszeit). Was da sonst für ein Schrott gezeigt wird,geht schon über die Hutschnur.
    Weiterhin sind (z.B. Volksmusik Hitparaden,Blasmusikauftritte und dgl.) schon gar nicht mehr da.
    Oder liege ich da total daneben ?

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