Heeresmusikkorps Ulm: Die Geschichte

Gleich drei Beiträge bekommt das professionelle deutsche Blasorchester gewidmet, das bei vontutenundblasen die Premierenvorstellung bekommt: Das Heeresmusikkorps Ulm. Nicht verwunderlich, da ich selbst einst Teil dieses Orchesters war. Aber es hat noch andere Gründe: Den folgenden Text verfasste ich 2016 zum 60. Jubiläum des Orchesters für die Blasmusikverbandsmagazine „Bayerische Blasmusik“ und „forte“. Ich veröffentliche ihn heute (August 2020) im Original, ohne etwas daran zu verändern.

Deshalb zwei Anmerkungen: Matthias Prock, den ich hier als Chef zitiere, ist mittlerweile Chef des Marinemusikkorps Wilhelmshaven – und er ist auch nicht mehr Major, sondern Fregattenkapitän (quasi ein Oberstleutnant in Marinesprache). Als weiterer Protagonist kam hier Reimar Starke zu Wort. Er erzählte mir damals am Telefon von den Anfängen des Musikkorps. Reimar Starke verstarb ein halbes Jahr später am 11. Januar 2017. Er möge in Frieden ruhen. Sein Foto, das ich damals von ihm bekam, werde ich hier nicht veröffentlichen, da ich nicht weiß, ob er das gewollt hätte.

Ich bebildere diesen Beitrag mit historischen Fotos und mit dem Orchesterfoto von 2016 – mit den damaligen Musikern und den damaligen beiden Chefs (Matthias Prock, Wolfgang Dietrich).

Ein Interview mit den beiden neuen Chefs (Lutz Bammler, Dominik Koch) habe ich bereits geführt und ist hier als Teil 2 veröffentlicht. Teil 3 ist ein Erinnerungskaleidoskop über meine Zeit beim Heeresmusikkorps Ulm zwischen 2000 und 2004.

Heeresmusikkorps Ulm
Das Heeresmusikkorps Ulm im Jahr 2016. Foto: HMK Ulm

Happy Birthday – Heeresmusikkorps Ulm zum 60. Geburtstag

Ein Jahr nach Gründung der Bundeswehr 1955 wurde auch die Tradition des Militärmusikwesens wieder belebt und Musikkorps gegründet. Seit 60 Jahren begleitet das Heeresmusikkorps Ulm die Geschichte der Bundeswehr mit sinfonischer Blasorchesterliteratur, mit Polkas und Walzer sowie – natürlich – Marschmusik.

Bescheiden feiert das Orchester sein großes Jubiläum. „Einen großen Apell gibt es nicht“, sagt Dirigent Major Matthias Prock. „Uns sind die Festschrift und eine neue CD wichtiger. Das sind nachhaltigere Werke.“ Aber viele besondere Konzerte gab es und wird es im Jubiläumsjahr noch geben – wie das Eröffnungskonzert zum Deutschen Orchesterwettbewerb. Das haben die Militärmusiker gemeinsam mit dem Ulmer Spatzenchor, mit dem eine rege Kooperation besteht, gestaltet. Oder beim renommierten „Ball der Offiziere“ des Österreichischen Bundesheeres in der Wiener Hofburg sowie die Umrahmung der Gedenkveranstaltung zu „100 Jahre Schlacht um Verdun“.

Gründung im Jahr 1956

Seit der Gründung im Jahr 1956 in Ellwangen an der Jagst als „Musikkorps VB“ gab es allerdings so viele Höhepunkte, dass der Platz fehlt, sie alle aufzuzählen. Sie sind mit viel interessantem Bildmaterial in der Festschrift „60 Jahre Heeresmusikkorps Ulm“ dokumentiert.

Heeresmusikkorps Ulm 1958
Das Heeresmusikkorps Ulm beim Paradekonzert 1958. Foto/Scan: HMK Ulm

Auf den Schwarz-Weiß-Fotos aus früheren Zeiten ist auch Reimar Starke abgebildet. Er ist fast ein Mann der ersten Stunde. Er wurde 1929 geboren und spielte Klarinette und Saxofon im Orchester.  „Ich kam 1957 in Ellwangen ins Orchester und wirkte dort bis 1977“, erzählt er. 1958 wurde das Orchester zum ersten Mal umgegliedert und der 10. Panzerdivision in Sigmaringen unterstellt. Es bekam den Standort Ulm. „Ulm war sowieso der Mittelpunkt unserer Einsätze“, erinnert sich Reimar Starke.

Bis 1994 war das Heeresmusikkorps Ulm bei der 10. Panzerdivision

Bis 1994 blieb das Orchester bei der 10. Panzerdivision – anschließend saßen die obersten militärischen Chefs in der Führungsunterstützungsbrigade 2 in Ulm. Allerdings nur zehn Jahre, dann wurde das damalige „Heeresmusikkorps 10“ wieder Sigmaringen zugeteilt. Am 1. Oktober 2013 hatte dieses Auf und ab ein Ende. Das Ensemble wurde in die Streitkräftebasis aufgenommen, in „Heeresmusikkorps Ulm“ umbenannt und ist nun auch truppendienstlich dem Leiter des Militärmusikdienstes – also Oberst Christoph Lieder – unterstellt.

„Das war eine einschneidende Veränderung in der Geschichte des Musikkorps“, sagt Matthias Prock. „Das macht sich praktisch sehr bemerkbar, dass die Militärorchester jetzt zentral geführt werden.“ Dadurch sei die Einsatzgebung besser gesteuert und der Betriebsablauf professioneller geworden.

Schon von Anfang standen neben dem protokollarischen Dienst die Wohltätigkeitskonzerte im Mittelpunkt. So kam der Erlös eines der ersten Konzerte der Ungarnhilfe zugute, die Flüchtlinge des Ungarischen Volksaufstandes während des Kalten Krieges aufnahm und betreute. „Wir haben jeder Jahr ein Konzert im Ulmer Theater gegeben“, erzählt Reimar Starke.

Konzerte für wohltätige Zwecke

Seitdem hat das Orchester über 1,5 Millionen Euro für den guten Zweck eingespielt. Insbesondere für seine Heimatstadt Ulm für die Projekte „Aktion 100.000 und Ulmer helft“. Aber auch in vielen weiteren Orten Bayerns und Baden-Württembergs.

Schon damals zeigte sich die Verbundenheit zur Region. Aus einem der ersten Konzertprogramme aus dem Jahr 1956 geht hervor, dass das Orchester „Freiburger Bläserspiel“ von Eberhard Ludwig Wittmer und „Schwäbische Rhapsodie“ von Max Kämpfert interpretierte.

Heeresmusikkorps Ulm antik
Ein undatiertes Foto des Heeresmusikkorps Ulm. Aber offensichtlich: sehr alt. Foto: HMK Ulm

Heute zeigt sich diese Verbundenheit nicht nur durch die Konzerte im Ländle, die Kooperation mit dem Ulmer Spatzenchor oder dem Philharmonischen Orchester der Stadt Ulm und der Mitarbeit vieler Instrumentalisten des Musikkorps in den nahe gelegenen Musikvereinen sowie öffentliche Proben (unter anderem für Mitglieder des ASM), sondern auch die Wertschätzung, die die Musiksoldaten den heimischen Amateurmusikern entgegenbringen.

„Wir sind hier in einer Gegend eingebettet, wo es sehr viele gute Blasorchester gibt“, sagt Matthias Prock. „Das große Spektrum an Genres, die die Orchester hier haben, beeindruckt mich.“ Heimatliche Verbundenheit stellen die Musiker auch her, wenn sie mit dem großen Orchester,  Kammermusikensembles oder der Egerländer Besetzung beispielsweise nach Afghanistan reisen, um für die deutschen Soldaten im Einsatz spielen.

Über 8000 Auftritte hatte das Heeresmusikkorps Ulm

Aber nicht nur Wohltätigkeitskonzerte und protokollarischer Dienst verbucht das Musikkorps in seinem Terminarchiv, das in 60 Jahren auf über 8000 Auftritte angewachsen ist. „Jedes Konzert mit dem Musikkorps ist ein Erlebnis, aber herausstechend war das Royal Nova Scotia Tattoo im kanadischen Halifax oder der emotionale Einsatz bei der Soldatenwallfahrt in Lourdes“, fasst Matthias Prock zusammen.

Reimar Starke war sogar mit dem Musikkorps bei den Olympischen Spiele 1972 in München mit dabei: „Bis zum Attentat sind wir jeden Tag von Ulm nach München gefahren und haben die Hymnen gespielt“.

Heeresmusikkorps Ulm 1961
Ein Zeitungsausschnitt des HMK Ulm. Er stammt aus dem Jahr 1961. Foto/Scan: HMK Ulm

Kontakt hat Reimar Starke immer noch zum Heeresmusikkorps. Alle zwei Jahre organisiert das Orchester ein Freundeskreistreffen, zu dem alle ehemaligen Musiker eingeladen sind. Und jährlich bekommen sie per Post die von Musikern produzierte Zeitschrift „Was gibt`s Nui`s“.

Eine Konstante im stetigen Wandel der Zeit – auch im Hinblick im fortlaufenden Prozess der Umstrukturierung der Bundeswehr und die damit verbundenen Auflösungen von Musikkorps. Major Matthias Procks Furcht davor ist nicht so groß. Er bleibt optimistisch, was die Zukunft des Geburtstagskinds betrifft: „Ulm ist ein wichtiger Standort. Wir können von hier die zwei größten Bundesländer abdecken.“

Lest im zweiten Teil meiner Serie über das Heeresmusikkorps Ulm alles über die Leiter des Orchesters.

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