Die Brassessoires: Musikalisch verstehen sie sich blind

Fünf Damen – fünf Mal Blech. Das ist das Damenbrassquintett „Brassessoires“. Und eigentlich ist dieser Text schon alt – sehr alt. Anfang 2013 erschien das Interview in der „Mucke“. Aber: Vor Kurzem nahm ich zu Brassesoires Kontakt auf, mit der Frage, ob ich das Interview nochmal verwenden dürfe und ob die fünf Musikerinnen mir ihre Antworten aktualisieren würden. Denn in sieben Jahren passiert viel. Beides haben Brassessoires mit Ja beantwortet. Hier lest ihr, was ich mit den fünf Blechbläserinnen über männliche Blechbläserdominanz und über spezifischen Geschlechtersound erörtet habe. Vielen Dank an Katharina Obereder, Christina Maria Schauer, Franziska Lehner, Hedwig-Martha Emmerich und Isabella Hauser.

Von oben: Isabella Hauser, Hedwig-Martha Emmerich, Franziska Lehner, Katharina Obereder, Christina Maria Schauer. Foto: Stefan Feichtinger

Die Idee für das Quintett entstand auf einem Blasmusikfestival 2010, und die erste Probe fand in Buchkirchen bei Wels in Katharinas Wohnzimmer statt, da kein anderer Probenplatz zur Verfügung stand. Mittlerweile bespielt das Quintett Bühnen in ganz Österreich, Deutschland und der Schweiz und hat eine CD sowie ein Bilderbuch mit Hörspiel für Kinder veröffentlicht. Zwei abendfüllende Konzertprogramme und ein Kinderkonzert gibt es von „Brassessoires“ zu Hören und zu Sehen.

Spielen heute immer noch mehr Männer ein Blechblasinstrument als Frauen? Wenn ja, warum, ist das so?

Katharina Obereder: „Ich denke, dass derzeit in den Musikvereinen und auch in den Profiorchestern in Deutschland und Österreich sicherlich mehr Männer auf Blechblasinstrumenten zu finden sind. Mittlerweile werden es aber immer mehr junge Mädchen, die ein Blechblasinstrument lernen. Das ist sehr auffällig.

Isabella Hauser: „Es gibt langsam nicht mehr diese starre Trennung in ‚Frauen‘- und ‚Männer‘-Instrumente und wie überall in der Gesellschaft haben sich die Damen ihre Plätze in der Männerdomäne erkämpft.“

Franziska Lehner: „Die Trennung zwischen Frauen- und Männerinstrumenten wird immer weniger, aber in manchen Orchestern haben es Frauen immer noch viel schwerer. Und das ohne wirklichen Grund. Bis dieser Trennungsgedanke verschwindet, wird es wohl noch etwas dauern, aber: Wir arbeiten dran.“

Christina Schauer: „Es ist natürlich schon noch immer so. Aber sobald es Vorbilder gibt, ändert sich das. Kinder stellen nicht in Frage, ob das typisch männlich oder weiblich ist. Sie machen das einfach, ohne zu sehr zu reflektieren. Und da wir alle auch Lehrerinnen sind, haben wir natürlich schon Einfluss auf die nachfolgenden Generationen. Also: Mädels am Blech – auch am tiefen Blech – Tendenz steigend.“

Als meine Freundin 1991 anfing, Posaune zu lernen, sagte meine Mutter: „Posaune, das ist doch nichts für ein Mädchen.“ Bekommt Ihr heute noch so Sprüche zu hören?

Katharina Obereder: „Ja. Da gibt es diejenigen, die kein Instrument spielen, da heißt es manchmal: ‚Ist das nicht sehr schwer/ schwierig?‘ oder ‚Das ist doch eher ein Instrument für Männer, oder?‘ Früher war es manchmal so, dass es schon hin und wieder dümmere Sprüche gab, mittlerweile weiß man aber, damit umzugehen und vor allem durch Leistung zu überzeugen.

Isabella Hauser: „Man muss aber auch sagen, wenn man sich einmal den Respekt ‚erspielt‘ hat und es sich zeigt, dass wir Mädels auch ‚unseren Mann stehen‘ – um auf die Anzüglichkeiten anzuspielen – die Toleranz und Anerkennung bei weitem überwiegt.

Hedwig-Martha Emmerich: „Ja, das kommt schon ab und zu vor. Vor allem, wenn ich erzähle, Trompete hauptberuflich im Orchester zu spielen. Das finde ich eigentlich meistens lustig. Im professionellen Bereich herrscht mittlerweile Gleichberechtigung.“

Christina Schauer: „Bevor ich ein ‚Guten Morgen‘ höre, habe ich früher oft schon mindestens einen dieser Kommentare zu Ohr bekommen. Aber man gewöhnt sich dran. Und weil es wirklich allen Mädels so geht, habe ich vor einiger Zeit mal einen Aufkleber von einer Bekannten bekommen, mit dem ‚best off‘ dieser Sprüche. Das Kämpfen wird uns wohl prinzipiell nicht erspart bleiben, wobei ich sagen muss – mit dem ‚Alter‘ werden diese Sprüche weniger. Oder vielleicht liegt es auch am neuen Leben auf dem Land und in der Kleinstadt. Da kennt man sich und man gehört zur Normalität. In größeren Städten, v.a. wenn ich mit den Öffis auf Reisen bin, bekomme ich diese Sprüche schon noch zu Gehör.“

Glaubt ihr, dass es gerade bei Blechbläsern einen charakteristischen „Männersound“ beziehungsweise „Frauensound“ gibt?

Katharina Obereder: „Ich finde schon. Wir können allerdings genauso ‚gscheid andrucken‘. Ich denke, unser Ziel ist nicht, uns mit den Männerensembles zu messen, wir sehen uns eher als ‚Ergänzung‘ und möchten mit unserer Kreativität, mit neuen Arrangements und mit frauenbezogenen Themen und Stücken neue Akzente setzen.

Isabella Hauser: „Natürlich kann man das nicht verallgemeinern, aber ich persönlich habe schon das Gefühl, dass wir uns ein bisschen leichter tun mit Emotion und Wärme im Ton. Mein eigenes Klangideal liegt außerdem viel mehr im weichen und runden Sound. Bei uns Mädels ist es darüber hinaus OK, mal sanft und emotional zu sein, und darum liegt es auch nahe, diese Emotion in die Musik mitzunehmen und sich so auszudrücken. Ich kann natürlich schon auch anders. Zitat meines Lehrers: Isi, du spielst wie ein Mann!“

Hedwig-Martha Emmerich: „Ich glaube es gibt schon Unterschiede. Vielleicht aber eher mehr in dem, wie man gerne spielt und welche Persönlichkeit man hat. Ich spiele lieber emotional und mit Bedacht, ab und zu macht es mir aber auch richtig Spaß, mal voll auf den Putz zu hauen. Und jemand, der von Haus aus eher ein ‚Haudrauf‘ ist, haut auch gerne in der Musik drauf- egal ob Mann oder Frau.“

Franziska Lehner: „Ich glaube nicht, dass wir nur weich spielen können oder Männer nur andrücken. Als Frau darf man einfach auch gefühlvoll und emotional spielen, ohne schief angesehen zu werden.“

Christina Schauer: „Also wenn ‚Frau‘ will, dann geht’s auch anders. Schließlich wollen wir ja nicht ausschließlich unser eigenes Ding machen. Wir möchten uns ja nicht explizit abgrenzen, sondern ich spiele schon sehr gerne auch mit Männern. Und in manchen Situationen ist es ja gewünscht, dass man da keinen wirklichen Unterschied hört im Sound und vor allem auch in der Lautstärke. Ich finde, jeder – egal ob männlich oder weiblich – sollte an seinem Klangfarbenspektrum arbeiten. Vielleicht haben wir da einen kleinen Vorteil in der sensibel-eleganten Ecke und die Männer wohl in der aktiv-präsenten.“

Warum habt Ihr ein reines Frauenblech-bläserquintett gegründet?

Katharina Obereder: „Wir wollten dezidiert ein Ensemble aus lauter Frauen gründen, das war eigentlich der Hauptgrund. Weil uns bei einem Festival bewusst geworden ist, wie wenig Frauen es damals auf der Bühne gab. Es ist sehr interessant, dass wir aus verschiedenen Richtungen kommen: Volksmusik, Brassband oder sinfonische Blasmusik.“

Isabella Hauser: „Außerdem wollten wir einfach mal unter uns sein. Die Gruppendynamik bei fünf weiblichen Blechbläserinnen ist eine komplett andere, als bei gemischten Ensembles.“

Hedwig-Martha Emmerich: „Wir sind fünf Frauen, die musikalisch ähnlich denken und fühlen, das passt einfach. Musikalisch verstehen wir uns mittlerweile blind und können uns immer aufeinander verlassen.“

Christina Schauer: „Um auf die vorherige Frage zurückzukommen: Schon auch sehr wegen der besonderen Klangfarbe. Manchmal ist diese Situation gar nicht so einfach, weil es eigentlich keinen Ersatz für uns gibt – wir können nicht so leicht Substituten holen und spielen wir auch wenn möglich immer in der Originalbesetzung!“

Zu Kaiserin Maria Theresias Zeiten gab es wahrscheinlich noch keine rein weiblichen Blechbläserquintette . Foto: Stefan Feichtinger

Neben ihrem Engagement bei den Brassessoires sind die fünf Musikerinnen sonst sehr aktiv:

Isabella Hauser ist Musikschullehrerin für Trompete und Flügelhorn im Landesmusikschulwerk Oberösterreich. Daneben spielt sie in der Brassband Oberösterreich am Solocornet, im Lehar Orchester und bei Gelegenheit auch in der heimatlichen Blaskapelle.

Hedwig-Martha Emmerich ist Trompeterin am Landestheater in Coburg und wohnt dort mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern.

Franziska Lehner ist Musikschullehrerin für Horn im LMSW OÖ und Hornistin im Orchester des Lehar Festivals Bad Ischl, dem SBO Ried und dem Ensemble Ligna+.

Katharina Obereder ,Posaunistin, wohnt mit ihrem Mann und zwei Kindern im Innviertel ist beruflich als Gymnasiallehrerin für Musik und Mathematik tätig und Jugendreferentin im örtlichen Musikverein.

Christina Schauer unterrichtet Tuba und Tenorhorn/ Euphonium im Landesmusikschulwerk Oberösterreich. Sie spielt bei Bedarf Tuba in der Niederbayerischen Philharmonie und engagiert sich auch in anderen (v.a. klassischen und volksmusikalischen) Ensembles. Daneben ist sie im Moment vor allem Mutter zweier Kinder und gelegentlich freiberufliche Sängerin.

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