Albrecht Mayer über Oboen und Oboisten

Albrecht Mayer ist seit 1992 Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker. Daneben tourt er als Solist und macht die Oboe einem breiteren Publikum bekannt. Er selbst begann mit zehn Jahren Oboe zu spielen. Sein damaliger Lehrer Gerhard Scheuer eröffnete an Mayers Gymnasium in Bamberg eine Oboenklasse und Vater Mayer fand es eine gute Idee, Oboe zu lernen. „Es war reiner Zufall. Ein bisschen Schicksalsfügung“, wie er im Interview verrät, das ich mit ihm 2018 für die Clarino führte.

Herr Mayer, ist die Oboe eine Diva?

Albrecht Mayer: Eine Diva ist sie in gewisser Hinsicht schon, da die Oboe schon mal ein sehr empfindliches Instrument ist. Temperaturschwankungen kann sie nicht leiden. Wenn es feucht wird, kann sie es nicht leiden und wenn es kalt und trocken ist, kann sie es auch nicht leiden.  Aber ich glaube nicht, dass Oboisten Diven sind.

Warum hat die Oboe so eine exponierte Rolle entwickelt?

Albrecht Mayer: Diese exponierte Rolle ist schon ungefähr 250 Jahre alt. Ab dem Frühbarock hat sie immer die menschliche Stimme begleitet und wurde als eine Art zweite Vox Humana gesehen. Im Sinfonieorchester ist es so, dass sogar die Komponisten, die mit der Oboe als solistisches Instrument nichts anfangen konnten, sie trotzdem als Solist in ihren Sinfonien einsetzten. Zum Beispiel Schubert, Schumann, Brahms und Tschaikowsky. Die haben keine Oboenkonzert geschrieben. Aber im Sinfonieorchester wollten sie anscheinend so eine Art Vox Humana haben. Die Oboe kann weder so laut noch so leise wie die anderen Instrumente spielen, noch kann sie so lang spielen noch kann sie so virtuos spielen, aber sie kann die Menschen meistens, wenn man sie gut bedient, ins Herz treffen.

Haben Oboisten wegen ihrer vielen Solostellen eine besonders große Verantwortung?

Albrecht Mayer: Im Sinfonieorchester auf jeden Fall. Während meiner Wehrdienstzeit habe ich ja auch in Regensburg im Musikkorps Blasorchester gespielt. Da sehe ich jetzt die Rolle der Oboe nicht so stark an.

Albrecht Mayer
Der Oboist Albrecht Mayer auf einem Bild zu seinem Album „Tresori d’Italia“, das er 2017 bei der Deutschen Grammophon veröffentlichte. Foto: Holger Hage

Spielen Oboisten lieber im Sinfonieorchester?

Albrecht Mayer: Das mag sein. Das Blasorchester hat, so wie ich es kennengelernt habe, ganz andere Aufgaben. Die Flöten sind chorisch. Die Klarinetten sind großchorisch. Die großen Soli im Blasorchesterrepertoire werden nicht von der Oboe oder vom Fagott übernommen, sondern von der Klarinette oder dem Saxophon.  Daher hat die Oboe im Blasorchester eine eher exotische Funktion. Es gibt kleine Soli, aber man kommt gegen den Rest des Orchesters kaum an, was die Durchsetzungskraft angeht. Und es vielleicht nicht die dankbarste Aufgabe für einen Oboisten im Blasorchester.

Kann das daran liegen, dass bei Oboisten die neue Literatur des sinfonischen Blasorchesters unbekannter ist, da es bei anspruchsvollen Originalkompositionen für Blasorchester durchaus große Oboensoli gibt?

Albrecht Mayer: Ich persönlich hatte im Blasorchester den Eindruck, Solistisches für Oboe oder Englischhorn war eher eine Ausnahme. Im Sinfonieorchester ist das Repertoire ganz anders, da ist die Oboe ständig solistisch. Blasorchester hat dynamisch ganz andere Abstufungen als ein Orchester mit Streichern. Das moderne Repertoire von dem Sie sprechen – das kenne ich nicht gut genug.

Werden Oboenschüler oder Oboenstudenten darauf vorbereitet, dass sie sie so viel solistisch unterwegs sind?

Albrecht Mayer: Die Musikschule und das Studium sind zwei unterschiedliche Dinge. An der Musikschule wird man vor allem motiviert, Musik zu machen. Das finde ich wunderschön, weil gerade kleine Kinder vor allem motiviert werden müssen, um Spaß mit Musik zu haben.  Im Studium wird man auf das Berufsleben vorbereitet und da muss ich sagen, nicht nur bei Bläsern, sondern vor allem bei Streichern, dass sie für ein Leben als Solist vorbereitet werden. Sie lernen vor allem Solokonzerte, die sie im späteren Leben zu 99,9 Prozent niemals spielen werden. Ich wünsche ja jedem, dass er die Karriere macht, aber vor allem Geiger werden diese Möglichkeit zu 99 Prozent niemals haben.

Ihre Rolle als erster Solo-Oboist bei den Berliner Philharmoniker – bekommt man als Leader ein zusätzliches Coaching, um soziale Schlüsselkompetenzen zu lernen?

Albrecht Mayer: Wahrscheinlich wäre das gut, wenn man so eine Art von Führungscoaching bekäme. Ist aber  nicht so. Orchester sind ja genauso unterschiedlich und wenig homogen wie andere Gruppen auch. Das heißt, wir sind 128 Mitglieder und bei uns haben alle 128 Mitglieder genau das selbe zu sagen. Also das selbe Recht und das selbe Stimmrecht. Es gibt bei uns keine Extra-Wurst und egal, ob man eine Führungsrolle hat.

Haben Sie als 1. Oboist schon mal Neid erlebt?

Albrecht Mayer: Neid erlebt man meistens sowieso nicht. Denn ich weiß ja nicht, was die Kollegen über mich reden, wenn ich das Zimmer verlasse. Aber das wäre  völlig in Ordnung. Denn Menschen reden gerne. Das ist die Lebensart des Menschen. Und je bedeutender die Rolle eines Menschen ist, desto mehr wird über ihn geredet. Insofern muss man akzeptieren – gerade wir Musiker, die sehr viele Schrulligkeiten und Eigenheiten haben – wenn die Menschen über einen reden.

Muss man ein guter Solist sein, um eine gute 1. Oboe im Orchester zu werden oder macht einen das Spielen als 1. Oboe im Orchester zu einem guten Solisten?

Albrecht Mayer: Weder das Eine noch das Andere. Orchesteroboen müssen sozial kompetent sein, sie müssen ihre Kollegen motivieren und sie mitnehmen. Das sind Dinge, die beim Solisten nicht ganz vorne stehen. Da muss man andere Voraussetzungen mitbringen. Man ist viel weniger sozial eingebunden, man kann sich gar nicht so verbrüdern. Als Solist, aber auch als Dirigent, hat man immer eine herausragende Rolle. Aber man hat die große Aufgabe, man muss eisenharte Nerven haben, man muss sehr gut vorbereitet sein, und man muss, und das ist vielleicht das Wichtigste, nicht nur das Publikum überzeugen, sondern das Orchester hinter einem.

Haben Oboisten Humor?

Albrecht Mayer: Oboisten haben genauso viel und genauso wenig Humor wie alle anderen. Aber die erste Lektion für einen Musiker ist: Man muss nicht nur Witze reißen können, sondern noch viel wichtiger: Man muss Witze über sich selber ertragen können. Sonst wird dieses Metier zu hart, zu humorlos und zu trocken.

Oboe spielen geht ans Gehirn. Dieses Vorurteil haben Sie bestimmt schon oft gehört?

Albrecht Mayer: Ich habe das Vorurteil sehr oft gehört. Aber das Schöne dabei ist: Wenn es so wäre, dass man mit dem Oboe spielen seinen Verstand verliert, dann wäre das wunderbar. Denn man selbst würde es nicht merken. Man würde langsam, sukzessive ein bisschen bescheuerter werden. Selbst merkt man es nicht, nur die anderen. Als Oboist würde man sehr gut damit leben.

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