Der Schiffko der Blasmusik: Thomas Zsivkovits

Thomas Zsivkovits: Hier präsentiere ich einen Mann aus Österreich, der in unserer Szene als Musiker (Tenorhorn, Posaune, Basstrompete) und Komponist bekannt ist. Der die Kapelle Tschecharanka gründete, „Eine kleine Dorfmusik“ mitgründete und der sich jetzt, obwohl in vielen Stilen zu Hause, auf neue Projekte konzentriert – insbesondere auf die Tanzlmusik. Seine Berufung würde er mit Sicherheit für kein Geld der Welt aufgeben. Auch wenn er das behauptet: „Wenn ich für jedes Mal einen Cent bekommen hätte, bei der Frage, wie man meinen Namen schreibt, würde ich nicht mehr arbeiten und hätte ein Nummernkonto auf den Cayman Islands.“

Thomas Zsivkovits - Schiffko
Thomas Zsivkovits. Foto: privat

Der Schiffko der Blasmusik

Reiner Zufall: Irgendwann, 2017, landete eine Email von ihm in meinem Postfach. Er war beim Tuba-Verlag angestellt und ich arbeitete beim DVO-Verlag. Er machte mich dankenswerterweise auf einige Tippfehler in seinen Notensätzen des Onlineshops aufmerksam.

Wie ich den Schiffko kennenlernte

Der Beginn einer wunderbaren Brieffreundschaft – besser gesagt: Email-Freundschaft. Schreibe ich ihm, bekomme ich immer sehr schnell eine Antwort. Meist steht der automatische Satz „Sent from my iPhone, please excuse grammar and brevity“ darunter. Lieber Thomas: Wer so schnell antwortet, muss sich nicht entschuldigen. Möchte ich etwas zur mährischen und österreichischen Blasmusikszene wissen: Thomas weiß immer Rat. Mit jeder Frage darf ich ihn belästigen und auf sein Netzwerk zurückgreifen. Er ist mein Whistleblower. Mein Dank dafür: Ein kleines Porträt hier in meiner Rubrik „Mensch Musiker“. Vielleicht kann ich euch etwas über Thomas erzählen, das ihr noch nicht kennt, obwohl ich ihn leider noch nie persönlich gesehen habe. Zwei Anläufe des Kennenlernens sind gescheitert. Zwei Mal ist das große C schuld.

Schiffkos Zukunftsträume

„Ich hoffe, dass die Welt bald wieder aufsperrt und dass man wieder spielen darf,“ sagt Thomas bei einer unserer Videokonferenzen, in denen wir wenigstens ein bisschen so etwas wie Persönlichkeit imitieren. „Ich habe meine Schule und das fängt mich finanziell auf.“ Seine Schule: Die Johann Sebastian Bach Musikschule in Wien, in der er seit 2005 Tenorhorn und Posaune unterrichtet – seit Abschluss seines Musikstudiums in Graz. Kurz vor unserem Gespräch beendete er seine Arbeit beim Tuba-Musikverlag. Dort hatte er fünf Jahre als Kreativer Kopf, Künstlervermittler, Komponist und „Kompositions-Redakteur“ gearbeitet. Er erzählt mir von seinen Zukunftsträumen, die ich hier natürlich noch nicht verraten kann. Quintessenz dieser Pläne: Schiffko.

Musikantenunion schiffko and friends

Die Entstehung von Schiffko

„In der Volksschule waren wir neun Schüler, davon hießen zwei Thomas. Und schon da war ich immer der Schiffko“, erinnert sich der 1982 geborene Musiker an seine Grundschulzeit in seinem Heimatort Rotenturm im Burgenland. In den vergangenen Jahren habe er stets die Kapellen verkauft, die er gegründet hatte und seinen Namen dabei im Hintergrund stehen lassen. In den vergangenen Monaten fand er zu sich selbst: „Das soll nicht arrogant klingen“, rechtfertigt er sich. „Ich bewege mich in einer super Community und der Name Schiffko ist einzigartig – dazu bin ich früher nicht gestanden. Aber jetzt tu ich das. Schiffko ist mein Künstlername und das ist etwas, was mir keiner wegnehmen kann.“

Schiffko und seine Projekte

Zwei dieser Projekte seiner Träume sind schon Realität: „Schiffko und Friends“ und „Schiffkos Tanzlmusifusion“. „Schiffkos Tanzlmusifusion – a runde G‘schicht“ war das zweite CD-Projekt, bei dem er seine komponierten Stücke mit verschiedenen befreundeten Musiker aufgenommen hat. Aus dieser Arbeit entstand eine feste Tanzlmusikbesetzung und nun ist dieses Ensemble (vier Blechbläser, eine steirische Harmonika), die einzige Tanzlmusikbesetzung im Burgenland. Der Name: Schiffkos Tanzlmusikfusion: „Ich schätze meine Musiker der Tanzlmusifusion sehr und ich möchte nicht im Mittelpunkt stehen. Aber alle haben gesagt: Das ist dein Baby.“ Mit diesem Team plant er im Sommer nach Südmähren zu fahren, um im alten Studio von Mistrinanka die erste CD der fixen Besetzung aufzunehmen.

schiffko tanzlmusifusion
Schiffkos Tanzlmusifusion – sein Herzensprojekt. Von links: Reinhold Bieber, Thomas Zsivkovits, Dominic Pessl, Raffael Schiller und Elisabeth Unger. Foto: Schiffko

Das erste Schiffko-Projekt

Beim früher entstanden Projekt „Schiffko and Friends – Musikantenunion“ ermutigte ihn sein langjähriger Freund Christian Wieder von Blechhaufn für den Namen. Auch hier traf er sich mit verschiedenen musikalischen Weggefährten in wechselnden Studios, um seine Werke aufzunehmen.

Musikantenunion schiffko
Bei einer der vielen Aufnahmesessions von Schiffko and Friends – Musikantenunion. Foto: privat

Langjährige Weggefährte: Christian Wieder

Christian Wieder und Schiffko kennen sich seit der 5. Klasse – seit ihrer Einschulung ins Musikgymnasium in Oberschützen. Ab da war der Schiffko oft bei Wieders in Neckenmarkt zu Besuch. Sogar ihren Wehrdienst bei der Militärmusik Burgenland absolvierten sie gemeinsam. Christian Wieder spielte am Anfang bei Tschecharanka mit – die Kapelle, mit der Thomas Zsivkovits anfing, auf den Blasmusikbühnen der Welt zu spielen und die er 1999 am Musikgymnasium mit Schülern aus den Musikklassen gründete: „Uns hat die Liebe zur böhmisch-mährischen Blasmusik verbunden“, erinnert sich Schiffko. „Wir haben nicht nur Gloria vergöttert, sondern alles was aus Mähren kam.“ Christian Wieder verließ die Kapelle 2004 zu Gunsten von Blechhaufn, weil es dort immer mehr Auftritte wurden.

Warum nicht Schiffko und Blechhaufen?

Natürlich drängt sich mir da die Frage auf: „Thomas, warum hast du nie bei Blechhaufn mitgespielt, wenn du so mit den dortigen Mitgliedern verbunden bist?“. Um das Jahr 2009 wurde er gefragt, ob er statt Sebastian Fuchsberger, der die Band verließ, einsteigen möchte – eine Zeit, in der er mit Tschecharanka und „Eine kleine Dorfmusik“ viele Auftritte hatte. Er lehnte daher ab, gibt aber zu: „Das bereue ich bis heute.“

eine kleine dorfmusik
Thomas Zsivkovits spielte von 2008 bis 2018 bei der Besetzung „Eine kleine Dorfmusik.“ Foto: privat

Höhepunkt und Ende von Tschecharanka

Die Tschecharanka blieb Schiffkos Baby. „Wir hatten schon sehr früh sehr viel Reichweite. Und das ohne Facebook“, erinnert er sich stolz. Drei Jahre nach der Gründung nahm die junge Kapelle ihre erste CD auf, 2003 folgte das zweite Album und ab 2005 gingen die Konzertreisen regelmäßig ins Ausland. 2010 tourten die Jungs in die USA – neun Auftritte in sechs Tagen. Auf dem Zenit, 2012, folgte die Auflösung.  Es wurde zu viel. Man hatte sich auseinandergelebt. Zu wenig Auftritte, um als richtiges Profiorchester zu touren. Zu weit entfernte Auftritte für die Nicht-Profi-Musiker der Kapelle, die nach einem anstrengenden Tourwochenende wieder in die Arbeit mussten. Auch Thomas hatte in seinem Privatleben ein Schicksal zu bewältigen: Sein Vater starb 2012 und er renovierte das Haus seiner Oma, in dem er heute lebt. „Gezwungenermassen in Rekordzeit.“

Tschecharanka
Schiffkos Orchester „Tschecharanka“ existierte von 1999 bis 2012. Foto: privat

Langjähriger Weggefährte: Noah Gladstone

Zeit also für eine Auszeit. Ende 2012 sah er zum ersten Mal einen seiner besten Freunde, den er bis dato schon seit über elf Jahren gekannt hatte – allerdings nur digital. Der Studio- und Filmmusiker Noah Gladstone aus Los Angeles. „2001 verkaufte ich eine Posaune auf Ebay“, erinnert sich Schiffko an den Beginn seiner internationalen Beziehung. „Noah meldete sich bei mir und wir fingen an, uns auszutauschen.“ Seit 2012 war Schiffko jedes Jahr zu Weihnachten in den USA – außer im Corona-Jahr 2020. „Ich hasse Weihnachten,“ gibt er zu.

schiffko und noah gladstone
Mit dem amerikanischen Musiker Noah Gladstone (links) in den USA. Foto: privat

Langjähriger Weggefährte: Helmut Kaszanits

Ein anderer Mensch, der in seinem Leben eine große Rolle spielt: Helmut Kaszanits. „Er war wie ein Opa für mich. Er hat mich zur böhmischen Blasmusik gebracht.“ In der Musikschule Großpetersdorf, fünf Kilometer von Schiffkos Heimatdorf Rotenturm, lernte er zunächst für einige Wochen Flügelhorn und sattelte dann auf Tenorhorn um. Anschließend spielte er im Musikverein Mischendorf, wo Helmut Kaszanits herstammt. „Er hat mich in meiner frühesten Jugend in die Tschechei zu den Kirtagen und den Bällen mitgenommen. Da bin ich zum ersten Mal mit Gloria, Mistrinanka oder Moravanka in Berührung gekommen.“ Polkas habe er zum ersten Mal in seinen Musikvereinen gespielt, aber das sei kein Vergleich dazu gewesen, war er gehört habe, als er zum ersten Mal in Tschechien war: „Das hat eingeschlagen wie eine Bombe.“

Nein, auf dem Foto ist nicht Helmut Kaszanits zu sehen. Rechts neben Thomas ist ein weiterer Weggefährte: Radek Ruzicka. Dieses Foto soll die Thomas Verbundenheit zu Tschechien darstellen. Foto: privat

Langjähriger Weggefährte: Josef Konecny

Die Liebe zu kleinen Besetzungen erfuhr er durch den erst kürzlich verstorbenen Josef Konecny. Ihn und seine Kapelle „Seska“ (Sechs) hörte als 17-jähriger bei einem Sommerfest des Musikvereins Mischendorf. Eine langjährige Freundschaft und musikalische Verbundenheit entstanden. Durch Josef Konecny bekam Thomas Zsivkovits als einer der ersten Ausländer die Möglichkeit, auf dem Hodoniner Musikantenball zu spielen.

schiffko und josef konecny
Thomas mit dem im September 2020 verstorbenen Josef Konecny. Foto: privat

Schiffko: Das musikalische Rauhbein

Auf vielen weiteren Bühnen musizierter er mit der Besetzung „Eine kleine Dorfmusik“. Mit ihr interpretierte als Solist oft das Stück „The Story“. „Brandi Carlile singt das so emotional, da wusste ich: Das brauche ich für Blasmusik.“ Schiffko beauftragte einen weiteren Weggefährten, Joe Pinkl, den Song zu arrangieren. „Ich habe immer versucht, das Stück mit dem Tenorhorn zu so zu spielen, wie sie das singt. Ich selbst bin keiner, der einen glatt geschliffenen Sound hat“, sagt er über sein Tenorhornspiel. „Ich bin eher das Rauhbein.“  

Musikalische Vorbilder

„Vom Tenorsound und von der Interpretation war und ist immer noch mein Freund Pavel Skocik mein großes Vorbild. Er war in den Anfangsjahren Tenorist bei Gloria und auch bei Martins Dorfmusik,“ erzählt Thomas.

pavel skocic
Schiffko mit Pavel Skocic, der früher Tenorhorn bei Gloria spielte. Foto: privat

Hier kommt ein weiterer Mann ins Spiel, den er seit vielen Jahren kennt und dessen Spiel Thomas in unserem Gespräch immer wieder bewundernd hervorhebt, aber voraussichtlich erst im Sommer 2021 zum ersten Mal mit ihm zusammen musizieren wird: „Ich bin schon gespannt, wie das mit dem Alexander Wurz bei der ‚Thomas Gansch Supergroup‘ werden wird. Alexander ist der komplett geschliffene, perfekte Tenorhornspieler. Und ich werde daneben spielen. Da muss ich mich schon sehr zusammenreißen. Da habe ich gewaltiges Muffesausen.“

Das Plakat zum Projekt „Thomas Gansch Supergroup – Was ist Blasmusik“ – 19 Männer, 0 Frauen. Alexander Wurz und Schiffko werden im Sommer, wenn es die Pandemie zulässt, nebeneinander musizieren. Ich drücke die Daumen, dass dieses Event stattfinden kann.

Posaune gut, alles gut

Er gibt sich weiterhin bescheiden und erzählt: „Ich habe keinen Naturansatz, ich muss immer am Ball bleiben. Ich bin auch kein großer Solist.“ Wieder taucht Alexander Wurz auf: „So wie Alexander das macht, würde ich das nie schaffen: Vorne an die Bühne gehen, den halben Abend alles auswendig spielen.“ Er sagt, wenn er auf der Posaune fit sei, dann funktioniere es auf allen anderen Instrumenten ebenso gut: Tenorhorn, Bariton, Basstrompete.

Schiffkos Kompositionen

Dafür braucht er sich beim Thema Komposition hinter niemanden verstecken. Eine sehr persönliche Sache in Schiffkos Leben: „Jedes Stück hat eine Geschichte, über all ist ein Mensch eingebaut.“ Da ist zum Beispiel die Polka „Kronprinz Rudolf“, die nichts mit Kaiserinnen und Wien zu tun hat, sondern eine Hommage an seine Oma ist. „Meine Oma hat einen Garten, da wachsen Apfelbäume mit der Apfelsorte Kronprinz Rudolf. Aus diesen Äpfeln macht die Oma Apfelstrudel.“ Über den Walzer „Der Glücksdrache“ verrät der Frühaufsteher, der gerne in den eigenen Wald geht und sich gerne einem „Digital Detox“ unterzieht: „Bei Holzarbeiten kam mir eine Melodie in den Kopf und als ich daheim war, war das Stück fertig.“ So schnell gehe es nicht immer, betont er: „Ich kann keinen selbsterklärenden Hit schreiben. Wenn man bei meinen Stücken nur die Noten runterspielt, sind sie fad.“ Bei der Polka „Zur Abendruh“ kommt wieder ein wichtiger Mensch seines Lebens ins Spiel: Tanja Dusel, eine langjährige Freundin, mit der er zusammen musiziert und komponiert.

Schiffkos Kompositionen

Schiffko und seine Reisen

Die Polka „Zur Abendruh“ schafft einen Übergang zur weiteren Leidenschaft: Reisen. Seine Musikschule hat eine Partnermusikschule in Jakarta/Indonesien, dort unterrichtete Thomas Zsivkovits 2016 für einige Wochen. „Ich hatte einen übelsten Jetlag und konnte nicht schlafen. So entstand ‚Zur Abendruh‘.“ Im Zuge der Vernetzungen seiner Musikschule unterrichtete Thomas zudem eine Zeitlang in Bolivien. Dort entdeckte er eine weitere Interesse:  Vergangene Hochkulturen und deren Zusammenhänge.

Schiffko in indonesien
Schiffko mit seinen Schülern in Jakarta/Indonesien. Foto: privat

Schiffkos Heimat: Das Südburgenland

Trotzdem steht er fest mit beiden Beinen in seiner Heimat: Dem Südburgenland, was ich nicht zuletzt an seinem Dialekt höre, den er mir gegenüber nicht spricht, den ich aber bei einem Videoclip beim Musikantenstammtisch eines österreichischen Privatfernsehsender erleben kann. „Das ist der Dialekt meiner Gegend. Hianzisch . Du solltest mal meine Oma hören, da ist er noch viel intensiver.“ Das Südburgenland ist, nachdem es 100 Jahre zu Österreich gehört, immer noch multikulturell geprägt. „Es gibt viele Dörfer, da spricht man bis zu drei Sprachen: Deutsch, ungarisch, kroatisch,“ erzählt mir Thomas.

Erste Tanzlmusik im Burgenland

Umso erstaunlicher, dass „Schiffkos Tanzlmusifusion“ die erste seiner Art im Burgenland ist. Thomas glaubt fest an diese kleinen Besetzungen. „Mir ist der Wirtshauscharakter, der musikantische Charakter sehr wichtig. Die emotionale Blasmusik ist der akrobatischen Blasmusik gewichen. Ich glaube, die Reise geht zu Gunsten von kleineren Gruppen: Für Wohnzimmerkonzerte oder für die Terrassen der Gasthäuser, auf denen keine 25 Leute Platz haben.“

Schiffkos persönlicher Wunsch

Seine musikalische Reise geht zu kleinen Gruppen – wo seine persönliche Reise hinführt? „Ich freue mich so sehr drauf, wenn man wieder fliegen darf. Dann fliege ich nach LA und gehe mit dem Noah auf ein Baseballmatch, trinke ein billiges Bier und esse einen grauseligen Hot-Dog.“ Vielleicht hilft ihm dieses Bier in den USA, für einen ganz persönlichen Wunsch: „Ich würde mir wünschen, die Dinge lockerer zu sehen.“

Zsivkovits schwarz weiß

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