Luftwaffenmusikkorps Münster: Orchesterleitbild

In Wirtschaftsunternehmen sind Leitbilder gang und gäbe. Ein Orchesterleitbild hingegen haben nicht viele Orchester. Und doch: Die Münchner Philharmoniker haben es, die Württembergische Philharmonie Reutlingen hat es, das Sinfonieorchester Basel hat es. Und: Das Luftwaffenmusikkorps Münster hat es – als einziges Berufsblasorchester Deutschlands. Nachdem ich euch hier die Geschichte des Luftwaffenmusikkorps Münster vorgestellt habe, erzähle ich euch in diesem Beitrag über das Besondere des Luftwaffenmusikkorps Münster: Von seinem Orchesterleitbild.

Orchesterleitbild? Was ist das? Welchen Zweck hat es? Der Leiter des Luftwaffenmusikkorps Münster, Oberstleutnant Christian Weiper, hat mich bei einer Videokonferenz aufgeklärt.

Vielfalt in der Einheit: Der #LuftwaffenSound

Kurz und knackig ist es: Das Orchesterleitbild des Luftwaffenmusikkorps Münster. Gerade mal etwas über eine halbe Seite. Die herausstechenden Sätze sind: „Im Vordergrund steht dabei die Pflege des luftwaffeneigenen Sounds und dessen Weiterentwicklung“ und „So war und ist jede*r Angehörige ein existenzieller Teil des unverkennbaren #LuftwaffenSound“. Hier kommt ihr direkt zum Leitbild.

Das Luftwaffenmusikkorps Münster heute
Das Luftwaffenmusikkorps Münster. Foto: Bundeswehr

Kern des Orchesterleitbilds: Der #LuftwaffenSound

Die Wortbildung „#LuftwaffenSound“ ist die Quintessenz des Orchesterleitbilds, die das Orchester sogar zu einem eigenen Hashtag in den sozialen Medien veranlasst hat. Die Marke „#LuftwaffenSound“ hat ihren Ursprung in der Entstehung der Luftwaffenmusikkorps oder besser gesagt: der Luftwaffenmusik.

Woher kommt der #LuftwaffenSound?

„Heute weisen alle Musikkorps der Bundeswehr, egal welche Uniform sie auch tragen, die gleiche Orchesterbesetzung auf. Aber so war es nicht immer“, beginnt der Leiter des Luftwaffenmusikkorps Münster, Oberstleutnant Christian Weiper, den Ausflug zur Quelle des #LuftwaffenSound. „Die Entwicklung beginnt um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Vor allem in Preußen war es üblich, jeder Waffengattung eine ihr entsprechende Musik zuzuordnen.“

Weiper erzählt weiter: „Die Trompetenmusik gehörte den Kavallerie- und Artillerieregimentern, die Waldhornmusik den Jäger- und Pionierbataillonen und die so genannte Janitscharenmusik den Linie- und Garde-Infanterie-Regimentern.“ Letztere setzten sich, so Weiper, bereits aus Holz-, Blech- und Schlaginstrumenten zusammen. Insgesamt bis zu 47 Musiker. Saxofone gab es nicht.

Als in den 1930er Jahren in Deutschland die Luftstreitkräfte aufgebaut wurden, veranlasste der damalige Luftwaffenmusikinspizient, Hans Felix Husadel, der Militärtradition folgend, allen Waffengattungen charakteristischen Besetzungen zuzuordnen, den Aufbau einer Luftwaffenmusik. Er erweiterte die Besetzung der bis dahin bekannten Musikkorps des Heeres und der Marine um das Saxofonregister.

saxofon münster
Saxofonregister des Luftwaffenmusikkorps Münster. Foto: Bundeswehr

Das Luftwaffenorchester war geboren

Dem Luftwaffenorchester haftete von Beginn an das Image eines „moderneren Blasorchesters“ an. 1955 begann man mit dem Aufbau der Bundeswehr und zu den Musikkorps der ersten Stunde gehörte das heutige Luftwaffenmusikkorps Münster. Bei der Besetzung griff man auf die der Luftwaffenmusik aus dem Jahr 1935 zurück. „Die Luftwaffenmusik steht also nach wie vor für den modernen Sound. Das ist Dreh- und Angelpunkt des Leitbilds,“ manifestiert Weiper.

Oberstleutnant Christian Weiper
Der Leiter des Luftwaffenmusikkorps Münster: Oberstleutnant Christian Weiper. Foto: Bundeswehr

Wie klingt der #LuftwaffenSound bei Märschen?

Einen wichtigen Anteil an diesem Klang haben die speziellen Luftwaffenmärsche, die explizit für „Luftwaffenorchester“ geschaffen wurden. Hans-Felix Husadel komponierte selbst einige davon. In den Trio-Teilen spielen die Saxofone eine dominante Rolle, die Tempi sind höher und sie klingen anders als Heeresmärsche. Ein weiterer Luftwaffenmarsch, den jeder kennt, ist der „Flieger-Marsch“ von Hermann Dostal aus der Operette „Der fliegende Rittmeister“. Er ist nicht für Blasorchester oder „Luftwaffenorchester“ im Ursprung komponiert. Dennoch: Er ist flott und hat sehr wenig mit einem herkömmlichen Marsch zu tun.

Das Luftwaffenmusikkorps in Marschformation. Foto: Bundeswehr

Wie klingt der #LuftwaffenSound im Konzert?

Den größten Anteil des #LuftwaffenSounds macht das Konzertprogramm des Luftwaffenmusikkorps Münster aus: Nach einem konzertant geprägten Teil folgt – nach der Pause – die Show: #LuftwaffenSound. „Das ist nicht einfach nur ein Konzertteil, bei dem ein bisschen Unterhaltungsmusik gespielt wird“, erläutert Weiper, „das ist eine kleine in sich geschlossene Show. Da wird kein Werk gespielt, das wir uns nicht selbst haben arrangieren lassen und nicht ins jeweilige Konzept passt“.

Ein Großteil dieser Musik komponiert und arrangiert Peter Schüller, ein musikalischer Wegbegleiter Weipers, der in Kalifornien lebt und dort viele Jahre mit dem erst kürzlich verstorbenen Sammy Nestico zusammengearbeitet hat. „Ich freue mich, dass wir unseren eigenen ,Schreiber´ haben. Er kennt das Orchester sehr genau und weiß, wo jeweils die Stärken liegen und wie er wen einzusetzen hat.“

Luftwaffensound Orchesterleitbild
Das Deckblatt des Openers „#Luftwaffensound“ von Peter Schüller. Scan: Luftwaffenmusikkorps Münster

Der Ablauf der #LuftwaffenSound-Show

Die in sich geschlossene Show beginnt mit einem Opener, dessen Uraufführung pünktlich an Silvester in den sozialen Medien veröffentlicht wurde. Der Name des Openers, ganz klar: #LuftwaffenSound. (Wenn ihr ihr auf diesen Link klickt, könnt ihr das Video zum Opener ansehen)

Der Schlagzeuger beginnt, nach und nach betreten immer mehr Musikerinnen und Musiker die Bühne und fügen sich allmählich zu einer großen Big Band zusammen. Irgendwann rückt die Musik ein Stück in den Hintergrund, um Platz für Christian Weipers Anmoderation zu machen. Und dann geht es in die Vollen, Schlag auf Schlag: Verschiedene Instrumentalsoli wechseln sich ab, ein großes Medley mit Sängerinnen, Sänger und Choreographie bildet den Hauptact und das alles ohne große Unterbrechung und lange Moderationen. Lediglich der obligatorische Abschlussmarsch eines traditionellen Militärmusikkonzerts ist geblieben.

#LuftwaffenSound-Show ähnlich wie Big Band-Show?

Christian Weiper leitete vor dem Luftwaffenmusikkorps Münster die Big Band der Bundeswehr. Die Beschreibung der Programmatik klingt ähnlich. „Sicher habe ich einige Ideen aus der Big Band der Bundeswehr mitgebracht“, sagt Weiper. Ob man sich da ins Gehege mit der Big Band komme, möchte ich wissen?

TwoAlike
Die Sängerinnen des Vocalensembles TwoAlikeKerstin Arnemann und Maren Stockmann – sowie der orchestereigene Sänger Stabsfeldwebel Michael Arnemann. Foto: Bundeswehr

„Nein“, antwortet er entschieden, „die Big Band bedient das noch auf einem ganz anderen Level und hat dieses Format bis ins Kleinste perfektioniert. Darüber hinaus ist mit einem Blasorchester auch nicht alles darstellbar was eine Big Band leisten kann, gerade auch hinsichtlich der Orchesterelektronik. Das was geht, versuchen wir auszureizen, aber es gibt Grenzen. Da passe ich schon sehr genau auf. Auf der anderen Seite: Warum soll man nicht ein Format, zumindest in Teilen, übernehmen, das funktioniert und beim Publikum ankommt?“

Die Entstehung des Orchesterleitbilds

Der 2. Musikoffizier des Luftwaffenmusikkorps Münster, Hauptmann Roman Reckling, besuchte einen Vortrag über dieses Thema und brachte die Idee mit nach Westfalen. Nach dem „Go“ von Christian Weiper arbeitete Reckling mehrere Monate mit immer wechselnden Musikerinnen und Musikern an diesem Leitbild. „Man hat intensiv über das Thema gesprochen und es dann auch wieder eine Zeitlang ruhen lassen. Mit der Zeit erweitert sich dann der Horizont und man sieht die Dinge differenzierter“, dokumentiert Christian Weiper den kreativen Entstehungsprozess des Leitbilds. „Irgendwann hatten wir die richtigen Worte gefunden und die wurden einvernehmlich akzeptiert.“ Er selbst habe es immer wieder mit überarbeitet, denn: „Ich finde es wichtig, dass der Leiter dem Leitbild seinen Stempel aufdrückt.“

Roman Reckling hatte die Idee zum Orchesterleitbild
Hauptmann Roman Reckling, zweiter Musikoffizier des Luftwaffenmusikkorps Münster, brachte die Idee für das Orchesterleitbild von einem Vortrag mit. Foto: Bundeswehr

Orchesterleitbild: Nicht in Stein gemeißelt

Was aber, wenn eine neue Leiterin oder ein neuer Leiter kommt und Weipers Stempel nicht eins zu eins weitertragen möchte? Das sei kein Problem, denn so ein Leitbild spiegele den Ist-Zustand wider und sei nicht in Stein gemeißelt. „Jeder Leiter und jede Leiterin hat – gerade auch hinsichtlich der Programmgestaltung – gewisse Vorlieben, eigene Vorstellungen und Ideen – und wird versuchen, diese umzusetzen. Das Leitbild ist dann eben entsprechend anzupassen, up to date zu halten und weiterzuentwickeln“, sieht Weiper die Zukunft.

Oberstleutnant Christian Weiper bei seinem Dirigat während eines Konzerts im Jahr 2019.
Foto: Bundeswehr

Zweck Orchesterleitbild: Die Wirkung nach Außen

Das Fachmagazin „Das Orchester“ widmete dem Orchesterleitbild in der Märzausgabe 2020 einen Schwerpunkt. Darin heißt es: „Das [Orchesterleitbild] unterstützt den Marktwert eines Orchesters enorm“. Das Leitbild soll eine Marke generieren, im Fall des Luftwaffenmusikkorps Münster also den #LuftwaffenSound. Manche Musikeinheiten der Bundeswehr haben bereits eine selbsterklärende Marke: „Die Big Band der Bundeswehr“ beispielsweise. Vielleicht kann man sogar den Artikel „Das“ beim Musikkorps der Bundeswehr als eigene Marke betrachten. „Vor vielen Jahren hat das Heeresmusikkorps Kassel den Slogan ‚Die Militärmusik in Hessen‘ ins Leben gerufen – das allein ist auch schon eine Marke, ein Alleinstellungsmerkmal, da es kein weiteres Musikkorps der Bundeswehr in diesem Bundesland gibt“, richtet Weiper den Blick auf die Kollegen.

Musikfest der Bundeswehr
Das Luftwaffenmusikkorps Münster beim Musikfest der Bundeswehr. Foto: Bundeswehr

Zweck Orchesterleitbild: Die Wirkung nach Innen

Für viele Kulturorchester ist das Leitbild wichtig, um Drittmittel, Sponsoring und andere Gelder zu akquirieren, damit sie überlebensfähig bleiben. Diese Sorge hat ein Musikkorps der Bundeswehr in dieser Art nicht. „Daher soll ein Leitbild vor allem auch nach Innen wirken“, sagt Weiper. Die Musikerinnen und Musiker sollen die Identität des Orchesters leben.

Trompeten
Das Trompetenregister des Orchesters. Foto: Bundeswehr

In regelmäßigen Abständen gehen ältere Orchestermitglieder in Pension, die sich zum Teil über Jahrzehnte mit „ihrem“ Musikkorps identifiziert haben. Neue Musikerinnen und Musiker kommen hinzu, müssen integriert werden und sich eingliedern lassen wollen. Das Leitbild könne dabei Hilfestellung geben, was allerdings keine theoretische Sache sei.

„Natürlich sollte jeder wissen, was drinsteht, andererseits bekommen neue Musikerinnen und Musiker diese Identität ohnehin schnell zu spüren“, ist Weiper überzeugt. „Da haben wir den Sinfonieorchestern etwas voraus: Wir teilen uns nicht nur den Probenraum und die Konzertbühnen, sondern darüber hinaus die Stuben oder den Bus. Wir arbeiten und leben viel mehr auf engstem Raum zusammen als Orchestermusiker, die ’nur‘ im Orchestergraben sitzen. Man bekommt sehr schnell mit, wie das Orchester denkt und wie es tickt.“

Musiker des Luftwaffenmusikkorps Münster während eines Konzerts im Jahr 2019. Foto: Bundeswehr

Das Orchesterleitbild und die anderen Musikkorps?

Ob er anderen Musikkorps ein Orchesterleitbild empfehlen würde, möchte ich von Christian Weiper wissen: „Ich schaue nicht immer nur auf das Musikkorps, das ich gerade leite, sondern blicke gern mal über den Tellerrand hinaus“, sagt Weiper. „Wir sollten die Militärmusik zunächst als Ganzes sehen. Und trotzdem brauchen wir den Unterschied, die Differenzierung. Nicht nur rein äußerlich, anhand der Uniform, sondern auch künstlerisch programmatisch. Natürlich unter Berücksichtigung der jeweiligen historischen Wurzeln. Es ist wichtig zu wissen, woher man kommt und wohin man will. So kann sich jedes Musikkorps eine eigene Identität schaffen. Beim Luftwaffenmusikkorps Münster ist es der #LuftwaffenSound!“

Fazit Orchesterleitbild

Das Luftwaffenmusikkorps Münster: Sie mögen ihre Identität, sie leben ihre Identität und sie haben ihre Identität auf ein DIN A 4 Blatt zusammengefasst.

Das bildgewordene Leitbild. Vielfalt in der Einheit: Das Luftwaffenmusikkorps Münster.

Das Orchesterleitbild des Luftwaffenmusikkorps Münster

Das Luftwaffenmusikkorps Münster ist die älteste Musikeinheit der Bundeswehr in Luftwaffenuniform. Seit seiner Aufstellung im Jahre 1956 repräsentiert es die deutschen Streitkräfte im In- und Ausland.

Als Großes Blasorchester spannt das Repertoire des Luftwaffenmusikkorps Münster den Bogen von der traditionellen Militärmusik über die zeitgenössische Bläsermusik bis zur gehobenen Unterhaltungsmusik. Im Vordergrund steht dabei die Pflege des luftwaffeneigenen Sounds und dessen Weiterentwicklung. Dies ist der Auftrag an den Leiter, jede*n Musiker*in und an das Management des Orchesters. Die Ausgewogenheit der Programmgestaltung zwischen Aufgeschlossenheit und Verwurzelung in der Militärmusik sichert dem Klangkörper seine authentische Identität nach innen wie nach außen. So war und ist jede*r Angehörige ein existenzieller Teil des unverkennbaren #LuftwaffenSound.

Auf dem heimischen Appellplatz wie auf den großen Konzertbühnen, das Luftwaffenmusikkorps Münster ist immer und überall ein gefragter musikalischer Botschafter der Bundeswehr. Das Orchester selbst versteht sich dabei als Bindeglied zwischen den Streitkräften und der Bevölkerung rund um den Globus.

Die Einmaligkeit eines Auftritts des Klangkörpers, getragen von der Begeisterung des Publikums und der Musiker*innen, ist das Ziel eines jeden Musikeinsatzes. Die künstlerische und emotionale Energie des Luftwaffenmusikkorps Münster legt hierfür das Fundament.Das individuelle und persönliche Engagement jedes Einzelnen für verschiedenste Initiativen und Ideen sind der Impulsgeber für die Zukunft.Vielfalt in der Einheit: Das Luftwaffenmusikkorps Münster

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