Ingolstädter Kammerorchester in Corona-Zeiten

Ernst Mosch und Streichquartett. Geht? Geht!

Ernst Mosch und Max Bruch. Selten werden diese beiden Namen in einem Atemzug genannt. Ich tue es, weil ich euch von einem außergewöhnlichen Ereignis berichten will: Am Samstag, 24. Oktober 2020, spielte ich ein Konzert! Mit einem Kammerorchester. Davon muss ich euch erzählen, denn das ist in diesen Zeiten wahrlich ungewöhnlich. Nicht nur, wie das Ganze von statten ging – was eigentlich meine erste Intention war, darüber zu schreiben. Während des Konzerts passierte eine große Überraschung: Ernst Mosch tauchte plötzlich auf.

Eigentlich war der Oktober voll

Anfang August kam die Anfrage ob ich im Oktober Klarinette beim Ingolstädter Kammerorchester spielen könne, einem Amateursinfonieorchester in Ingolstadt. Ich spielte im vergangenen Jahr schon einmal mit und freute mich über die Anfrage, da man als Amateurbläser selten die Chance hat, Sinfonieorchester zu spielen. Trotzdem sagte ich zunächst ab. Der Grund: mein Oktober war Stand August 2020 voll mit anderen Musikprojekten.

Alles abgesagt: Außer Ingolstädter Kammerorchester

Drei Mal dürft ihr raten, was passierte. Genau! Alles abgesagt! Wie so viele andere Konzerte und Projekte vieler Blasorchestern, Vereine und Ensembles bundesweit, die jetzt zwischen Sommer und Herbst ausgefeilte Probenpläne und Hygienekonzepte ausgetüftelt hatten, um doch irgendwie im Oktober ein Konzert spielen zu können.

Umso mehr freute ich mich, als der Dirigent des Ingolstädter Kammerorchester, Klaus Hoffmann, kurzfristig nochmal bei mir anklingelte, weil eine andere Klarinette ausgefallen war. Er konzeptioniert die Proben für Bläser immer sehr zeiteffektiv und deshalb hatte ich bis zum Konzert selbst keine Ahnung, welche Stücke ohne Bläser gespielt werden sollten.

Konzerterlebnis mit dem Ingolstädter Kammerorchester

Es kommt also der große Konzerttag am Samstag, 24. Oktober 2020 (deshalb wechsle ich in den Präsens). Die Generalprobe findet Samstagnachmittags im Ingolstädter Festsaal statt. Beim Anblick der Bühne weiß ich, dass ich darüber schreiben muss. Noch nie habe ich so einen großen Bühnenaufbau im Festsaal gesehen. Die Bühne, in diesem Fall für 34 Musiker (Zahl ohne Gewähr) ist gefühlt größer als der Zuschauerraum, in den in normalen Zeiten über 1000 Leute passen.  Ihr seht es hier auf dem Foto  – der leere Platz ist meiner. Die Musiker, die nah beieinander sitzen sind Geschwisterpaare. Die hinterste Reihe mit den Blechbläsern wird sonst nur bei Riesenkonzerten, wenn Chor und Orchester auf der Bühne sitzen, genutzt.

Ingolstädter Kammerorchester Generalprobe
Das Ingolstädter Kammerorchester während der Generalprobe zu seinem Konzert am 24. Oktober – einen Tag bevor Ingolstadt in die dunkelrote Zone rutschte und das Konzert nicht hätte stattfinden dürfen. Der leere Platz bei den Bläsern ist meiner. Die Musiker, die nah beeinander sitzen, sind Geschwister. Foto: Christine Engel

In den Zuschauerraum dürfen  200 Leute, deshalb werden an diesem Tag  zwei Konzerte zu je einer Stunde gespielt. Eines um 18 und eines um 20. 30 Uhr. Es ist so bestuhlt, dass es für die Musiker nicht ganz so leer erscheint.

Kreative Maskenlösungen

Das erste Stück heißt „Plink Plank Plunk“ von Leroy Anderson. Ein Pizzicato-Werk für Streicher. Wir Bläser warten hinter der Bühne und betreten sie anschließend selbstverständlich mit Mund-Nasen-Schutz. Manch einer hat hierfür kreative Lösungen – wie Trompeter Hans Janouschek.

Hans Janouschek
Trompeter Hans Janouschek mit seiner kreativen Maske. Geschenk einer Schülerin. Foto: Christine Engel
Hans Janouschek
Hans Maske in Aktion.
Foto: Christine Engel

Wir spielen den ersten Satz aus Joseph Haydns Sinfonie Nr. 104. Das Feeling ist gewöhnungsbedürftig, da ich viele Instrumente nicht höre: Meinen Nebenmann, die erste Klarinette –  kaum, die Flöten vor mir so gut wie gar nicht. Ich glaube, dadurch spiele ich zu laut. Besonders gut höre ich die ersten Geigen an den hinteren Pulten und die Harfe (kommt später dazu), da die in der schrägen Flucht von mir sitzen. Bei der Streicherserenade e-moll von Edgar Elgar ohne Bläser lehne ich mich entspannt zurück und genieße die Musik und  die Atmosphäre auf der Bühne. Ich bin glücklich. Beim Höhepunkt dürfen wir Bläser wieder mitspielen.

Höhepunkt: Kol Nidrei von Max Bruch

Die Bratscherin Lisa Rendelmann spielt „Kol Nidrei“ von Max Bruch. Das Werk, das auf einem jüdischen Gebet basiert, ist eigentlich für Cello und Orchester – die junge Ingolstädterin interpretiert es auf der Viola. Gerne würde ich dieses Werk auch als Zuschauer erleben, denn dann bekäme ich mehr von Lisas musikalischen Leistung mit. Ich sitze so weit weg und die Solistin spielt natürlich nach vorne, dass ich das Solo nicht zu 100 Prozent höre. Aber das was ich höre, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit und Hoffnung: Ich darf Teil von dieser gefühlsintensiven, tiefen  Musik und dieser gefühlsintensiven Interpretation auf diesem wunderbaren Instrument sein.

Kol Nidrei
Der Höhepunkt des Konzerts: „Kol Nidrei“ mit Bratscherin Lisa Rendelmann. Ein Foto, das die Solistin während des Konzerts zeigt, kann ich nicht bieten. Foto: Christine Engel

Was ich auch nicht richtig hören kann, sind die Moderationen, denn die Lautsprecher hängen an der Decke vor mir, so dass ich zwar Stimmen laut höre, aber nicht verstehe, was sie sagen. Zwei Worte stechen allerdings deutlich raus: Ernst Mosch.

Das ist nach dem Auftritt des Streichquartetts „Kastanienstreicher“, das sich aus Musikern des Orchesters und Leiter Klaus Hoffmann an der steirischen Harmonika (Ziach) bildet. Sie spielen einen Marsch. Ich werde hellhörig. Moment, den kenne ich doch. Welcher ist das denn nochmal? Und ich bin mir nicht sicher, spielt dieses Streichquartett jetzt wirklich Blasmusik? Verhöre ich mich da jetzt? Verwirrung. Überraschung. Freude.

Ingolstädter Kammerorchester Streichquartett
Das Streichquartett „Kastanienstreicher“, das sich aus Musikern des Ingolstädter Kammerorchesters bildet, während es den Marsch „Starparade“ von Alois Aust interpretiert. Der Marsch wurde oft von Ernst Mosch und seinen Original Egerländer Musikanten gespielt.
Foto: Ben Drew
Kastanienstreicher
Das offizielle Quartettfoto des Streichquartetts „Kastanienstreicher.“

Nach dem Konzert schnappe ich mir den Klaus. Die Auflösung: Es handelte sich um den Marsch „Starparade“ von Alois Aust, den die Egerländer Musikanten unter Ernst Mosch oft spielten. „Ich mag die Musik“, erzählt Klaus Hoffmann mir. „Ich habe schon mehrere Märsche für Streichquartett arrangiert. Unter anderem den Astronautenmarsch.“ So kommt man als Bläserin beim Sinfonieorchester also doch zu ein bisschen Blasmusik.

Tico Tico ist zwar keine ursprüngliche Blasmusik, aber jede Vereinsklarinette macht große Augen beim Blasmusik-Arrangement. Kleiner Tipp: Spielt es mal mit Sinfonieorchester – dann müsst ihr weniger Technik üben.

Tico Tico
Tico Tico in der Sinfonieorchesterfassung. Foto: Christine Engel

Bei der Zugabe Intermezzo aus der Oper „Cavalleria Rusticana“ von Pietro Mascagni spielen alle Musiker am Ende so wehmütig wie es in dem Moment wahrscheinlich jeder Musiker getan hätte: Als wäre es das letzte Konzert für lange Zeit.

ungarischer Tanz
Zugabe – und zuvor: Der Ungarische Tanz Nr. 5. Foto: Christine Engel

Und genauso schätze ich die Lage ein: Für Amateurmusiker wird es das wahrscheinlich erst einmal gewesen sein, denn kein Orchester wird sich bemühen, planen und organisieren mit der Ungewissheit, ob es denn stattfinden kann. Oder am Ende doch alles für die Katz ist. Wahrscheinlich wird erst wieder etwas organisiert, wenn zu 100 Prozent sicher ist, dass ein Konzert stattfinden kann: Am Sankt Nimmerleinstag.

Deshalb: Liebes Ingolstädter Kammerorchester: Vielen Dank, dass ich bei euch mitspielen durfte. Es war mir eine Ehre. Übrigens: Gerade so die Kurve bekommen: Am nächsten Tag wurde Ingolstadt dunkelrot.

6 Kommentare

  1. Liebe Christine Engel,
    Der letzte Bratscher im Orchesterraum, der sich vor dem Lockdown von dir von der Bühne verabschieden musste dankt vielmals für deinen herrlich erfrischenden Bericht samt den besonderen Fotos.
    „Ja, der Klaus hat ein kleines Wunder wahr gemacht – Großartiges Konzert“, sagt auch meine Frau.
    Gruss Bratscher Bruno

    1. Lieber Bruno,
      vielen herzlichen Dank für deinen Kommentar. Das freut mich sehr. Ja, das Konzert war wirklich ein Seelenheil. Herzliche und musikalische Grüße an dich und deine Frau.

  2. Liebe Christine, ein ganz toller Artikel von dir! Ich war mit Thomas im Konzert. Toll, toll, toll! Ich habe mich wahnsinnig gefreut, dass das Kammerorchester die Mühen auf sich genommen hat und die beiden Konzerte gespielt hat. Wir haben es sehr genossen, voller Dankbarkeit, dass es solch tolle Leute gibt, die trotz der Einschränkungen spielen bzw. dirigieren.
    Ganz liebe Grüße
    Jutta

    1. Liebe Jutta, vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Wie schön, dass ihr da wart. Ja, es war so schön, dass das Konzert stattgefunden hat. Das empfanden sowohl die Musiker als auch – und das hat man deutlich gespürt – die Zuschauer. Liebe Grüße und hoffentlich bis irgendwann mal wieder musikalisch.

    1. Liebe Frau Rendelmann, danke für den Kommentar. Ja, man zehrt heute noch davon. Letztes Konzert für viele Ingolstädter vor dem Lockdown. Ich wünsche Ihnen, den vielen Musikern und Musikliebhabern einen guten Rutsch ins neue Jahr. Herzliche Grüße

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